Geschichten in der Bibel sind oft tiefsinniger, als sie auf den ersten Blick erscheinen. Nehmen wir die kurze Episode aus Markus 10,46-52. Eines Tages verlässt Jesus Jericho, begleitet von einer großen Menschenmenge. Wir lesen: „Da saß ein blinder Bettler am Wege, Bartimäus, der Sohn des Timäus.“
Diese Betrachtung ist als kleines Beispiel gedacht – als eine Art Demo, wie man über Evangelientexte meditieren kann. Zweifellos war die ursprüngliche Geschichte, wie Petrus oder vielleicht Bartimäus selbst sie erzählte, wesentlich länger. Hier liegt sie in stark verdichteter Form vor, damit das Evangelium nicht zu umfangreich wird. (Wäre das Wunder heute geschehen, wir würden ein ganzes Buch nur über die Heilung des Bartimäus veröffentlichen – und einen Spielfilm dazu drehen.) Viele Evangeliengeschichten sind wie Instantkaffee oder Milchpulver: Um sie wirklich zu genießen, muss man Wasser hinzufügen. In diesem Fall heißt dieses „Wasser“: Vorstellungskraft. Ignatius, der Gründer des Jesuitenordens im 16. Jahrhundert, hatte das verstanden, als er diese imaginative Betrachtungsweise ins Zentrum der Spiritualität seines Ordens stellte. Weitere Beispiele gibt es hier.
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Ein blinder Bettler. Erkennen wir uns selbst? Denn: Sind wir nicht alle blinde Bettler?
Auffällig ist, dass Bartimäus keinen eigenen Namen trägt. Bartimäus ist Aramäisch – die Sprache, die Jesus und viele Juden seiner Zeit sprachen – und bedeutet schlicht Sohn des Timäus. Das ist bezeichnend. Bartimäus wird nicht als eigenständige Person wahrgenommen, sondern über seinen Vater definiert. Vielleicht sehen viele im Ort Bartimäus hauptsächlich als Last für den Vater. Als Blinder ist er auf andere angewiesen, in diesem Fall auf seine Eltern. Somit ist das seine Identität: der Sohn des Timäus.
Der Name des Vaters wiederum leitet sich vom griechischen Verb timao ab, ehren. Timäus bedeutet der Geehrte oder der Ehrenwerte. Darin liegt vielleicht eine bittere Ironie. Welche Ehre ist es, Vater eines blinden Bettlers zu sein?
Irgendwie bekommt Bartimäus mit, dass Jesus von Nazareth vorbeikommt. Vielleicht macht ihn der Lärm der Menge darauf aufmerksam, dass etwas Ungewöhnliches geschieht, und er erkundigt sich nach dem Grund.
Wahrscheinlich hat er zuvor von Jesus gehört – von seinen Wundern und davon, dass er sogar Blinde heilt. Darum beginnt Bartimäus zu rufen: „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!“
Wahrscheinlich hat er realisiert, dass dies seine einzige Gelegenheit ist, Jesus jemals nahe zu kommen. Er hat eine einzige Gelegenheit – und er weiß es. Und er hat recht: Jesus würde nie wieder auf diesem Weg vorbeigehen.
Sein Rufen muss störend gewesen sein. Viele fahren ihn an. Im griechischen Text steckt hier ein interessantes Wortspiel. Timao bedeutet ehren. Das hier verwendete Wort für anfahren lautet im Griechischen epitimao. Durch die Vorsilbe epi kehrt sich die Bedeutung fast ins Gegenteil: Bartimäus wird nicht geehrt, sondern zurechtgewiesen.
Doch jetzt ist nicht die Zeit, sich zurückzuhalten. Es ist seine einzige Chance. Wenn überhaupt, bestärkt ihn die Zurechtweisung nur noch mehr. Er schreit umso lauter.
Und Jesus hört hin. Er bleibt stehen und lässt Bartimäus zu sich bringen. Als die Boten ihm das sagen, dass Jesus ihn ruft, zeigt sich seine Entschlossenheit: Bartimäus wirft seinen Mantel ab und springt auf. Er ist bereit. Er will seine Chance nicht verpassen.
Als er zu Jesus kommt, fragt dieser ihn: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“
Wieso die Frage? Wie wird Bartimäus wohl darauf antworten? Herr, verbessere mein Gehör? Herr, fülle meine Bettelschale?
Natürlich wäre es denkbar gewesen, dass er um etwas anderes bittet als seine Heilung. Wenn Jesus ihn heilt, wird sich sein Leben radikal verändern – ist er dazu bereit? Will er das wirklich? Vielleicht prüft Jesus auch seinen Glauben.
Insofern ist die Frage, auch wenn die Antwort offensichtlich erscheint, durchaus sinnvoll.
Und doch liegt ein leiser Humor in der Szene, den Markus in seiner Erzählweise anklingen lässt. Nachdem Jesus gefragt hat: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“, heißt es weiter: „Der Blinde sprach zu ihm …“ Der Blinde! Das konnte Jesus doch selbst sehen.
Dennoch fragt er – und Bartimäus zögert nicht: „Rabbuni, dass ich sehend werde.“
Die Geschichte endet mit etwas, das man leicht überliest. Bevor Jesus die Heilung ausspricht, sagt er zu Bartimäus: „Geh hin.“ Jesus stellt keine Bedingungen, keine Erwartungen. Er lässt Bartimäus frei zu gehen, wohin er will.
Doch Bartimäus kehrt nicht an seinen alten Platz zurück. Er geht nicht nach Hause. Anscheinend holt er nicht einmal seinen Mantel.
Stattdessen heißt es: „Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach auf dem Wege.“

Er folgte Jesus nach auf dem Weg. Ist das vielleicht die Anwendung, die unausgesprochene Lektion in der Geschichte? Dass auch der Leser oder Hörer Jesus auf dem Wege nachfolgen soll?
Jesus ist es, der führt. Er bestimmt die Richtung und kennt den Weg und sein Ziel. Unsere Aufgabe ist es, nahe bei ihm zu bleiben und ihm nachzufolgen.
Markus schenkt uns hier ein Bild für das Leben nach der Erlösung. Vielleicht ist es seine erzählerische Definition von Jüngerschaft oder Nachfolge: Jesus auf dem Weg zu folgen.
Also: Gehen wir. Ruf nach ihm, wenn du nicht weißt, wo er ist – er wird dich finden. Antworte auf seinen Ruf, lass den alten Mantel zurück und – folge ihm nach!
Bildnachweis
Eigenes Photo: Bild von Kees de Kort. Sonst Pixabay.
Literaturangaben
Bibelzitate, wenn nicht anders angegeben: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. 1999. Revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe (Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft)
