Kontroverse Themen angehen: Israel und das Volk Gottes I (Kartierung)

„Theologisches Minenfeld“, „auf Eierschalen gehen“, „der Elefant im Raum“ (englische Redewendung für ein offensichtliches Problem, über das niemand spricht) – das sind die Ausdrücke, die mir in den Sinn kommen, wenn ich an das Thema kontroverse theologische Fragen denke. Wie spricht man über Israel, Prädestination, das Millennium, Genesis 1 oder Frauen in Führung, um nur einige zu nennen?

Dieser Text zeigt anhand des Beispiels „Israel“, wie ein Überblick über verschiedene Ansichten, eine Art „Landkarte“ der möglichen Ansätze, eine neutrale Grundlage für weitere Diskussionen bieten kann.

In einer nächsten Ausgabe werde ich das Wertquadrat als Werkzeug erklären, um zu verstehen, was in einer bestimmten Diskussion auf dem Spiel steht und warum Emotionen stark sind. Das kann uns helfen, die „andere Seite“ besser zu verstehen.

Diesen Inhalt gibt es in Englisch auch als VIDEO PODCAST

Die beiden Enden des Spektrums

Verschiedene christliche Sichtweisen auf Israel – und die Gemeinde – lassen sich auf eine einfache Linie anordnen, wodurch ein Spektrum entsteht.

Übrigens wird die Debatte oft so dargestellt, beginnend mit diesen zwei Kategorien, Israel und der Gemeinde. Das mag bereits Teil des Problems sein, wie wir noch sehen werden, aber wir behalten die Formulierung vorerst bei.

Ich beginne an den beiden Enden des Spektrums.

Auf dem einen Ende haben wir den christlichen Zionismus. Einfach ausgedrückt besteht diese Bewegung aus Christen, die den Staat Israel auf verschiedene Weise aktiv unterstützen, einschließlich politischer Unterstützung. Der christliche Zionismus unterstützt Israel aus biblischen Gründen. Einfach ausgedrückt: Gott hat das Land Israel Abraham und seinen Nachkommen versprochen, daher gehört das Land den Juden.

Der christliche Zionismus ist nicht nur eine christliche Version des Zionismus. Christliche Zionisten sind keine Zionisten, die zufällig Christen sind; wir haben es mit zwei unterschiedlichen Bewegungen zu tun. Der ursprüngliche Zionismus war in erster Linie eine jüdische Bewegung, zunächst säkular, politisch und national, beginnend im späten 19. Jahrhundert. Ihr Ziel war dem jüdischen Volk in dem Gebiet, das damals oft Palästina genannt wurde und das Teil des Türkischen Reiches war, eine nationale Heimat zu geben. Diese Bewegung führte schließlich 1948 zur Gründung des Staates Israel.

Heute gibt es den Zionismus als eine jüdische Bewegung, die den Staat unterstützt, jedoch aus anderen Gründen als jenen, die den christlichen Zionismus inspirieren. Es gibt auch einen religiösen jüdischen Zionismus mit eigenen religiösen und biblischen Motiven, der sich jedoch ebenfalls von der christlichen Variante unterscheidet. Der christliche Zionismus bildet also eine eigenständige Bewegung; es ist nicht nur eine Untergruppe des jüdischen Zionismus.

Am anderen Ende des Spektrums steht der christliche Antisemitismus, den wir unumwunden ablehnen müssen. Es ist mit dem christlichen Glauben unvereinbar, eine ethnische Gruppe aufgrund ihrer Identität zu hassen, zu verachten oder abzulehnen. Obwohl christlicher Antisemitismus leider durch die Jahrhunderte eine bedeutende Rolle in der Geschichte gespielt hat, ist er keine annehmbare Option.

Wenn wir uns etwas von diesem Extrem entfernen, stoßen wir auf zwei weitere Begriffe: Ersatztheologie und Supersessionismus. Vielleicht kennst du diese. Ersatztheologie ist die Vorstellung, dass die christliche Gemeinde oder Kirche des Neuen Testaments Israel als Volk Gottes ersetzt hat, weil Israel seine Rolle als Gottes Volk nicht erfüllt hat. Das würde die Kirche zum neuen oder geistlichen Israel machen.

Supersessionismus leitet sich vom englischen Verb supersede ab: ersetzen oder übertreffen. Er wird vor allem von Theologen verwendet, bedeutet aber im Wesentlichen dasselbe wie Ersatztheologie: Die Kirche hat Israel abgelöst.

Diese Ansichten waren bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in der Kirchengeschichte vorherrschend. Die christliche Kirche galt als das neue Israel, das das alte übertraf und ersetzte, deswegen Supersessionismus.

Von Etiketten und Marken

Interessanterweise ist christlicher Zionismus ein Etikett, das von seinen Anhängern übernommen wird, also eine Selbstidentifikation, während Ersatztheologie und Supersessionismus vonanderen auferlegt werden, oft mit negativen Konnotationen. Sie werden normalerweise nicht zur Selbstidentifikation verwendet.

Kürzlich haben Wissenschaftler wie Michael Bird und Scott McKnight diese Etiketten in ihrem Buch,God’s Israel and the Israel of God: Paul and Supersessionism (2023; bezahlter Link), kritisiert. Sie stellen fest, dass Neutestamentliche Forscher ungerne als Supersessionisten oder Ersatztheologen bezeichnet werden, da diese Begriffe abwertend geworden sind:

Die Wirkung des Knüppels ist, dass … das Letzte, das Neutestamentliche Forscher sich anhaften lassen wollen, Supersessionismus ist (Bird & McKnight 2023:21)

Die Reaktion gegen Supersessionismus hat zu einem neuen Begriff geführt: Post-Supersessionismus. Diese Perspektive entstand nach dem Holocaust, der Theologen veranlasste, die christlich-jüdischen Beziehungen neu zu überdenken und eine positivere Sicht auf das jüdische Volk einzunehmen. Der Post-Supersessionismus ist keine einheitliche Position gegenüber Israel oder Gottes Volk; es sind vielfältige Ansichten, die hauptsächlich durch ihre Ablehnung des Supersessionismus vereint sind. Aus diesem Grund hat der Post-Supersessionismus keinen Platz im Spektrum (siehe Bild).

Die Mitte: Wiederherstellungslehre

Nachdem wir Positionen betrachtet haben, die weitgehend durch ihre Reaktion auf die Ersatztheologie definiert sind, können wir uns nun Ansichten zuwenden, die das Mittelfeld einnehmen. Ein Begriff, der hinzugefügt werden kann, ist Restorationismus oder Wiederherstellungslehre, eine ältere Sichtweise, die bis zur Reformation und zu den Puritanern zurückreicht. Sie verkörpert den Glauben oder die Erwartung einer nationalen Wiederherstellung des jüdischen Volkes im Land Israel, der einer geistlichen Wiederherstellung vorausgegangen ist oder folgen wird.

Die Wiederherstellungslehre ist eher eine Erwartung als ein aktives Engagement. Ihre Anhänger sind oft zufrieden damit, biblische Prophetien zu interpretieren, um zu sehen, wie sich die Ereignisse entwickeln könnten. Ihr Ursprung liegt in der Betonung der Reformation auf eine wörtliche Bibelauslegung. Prophetien über Israels Rückkehr ins gelobte Land wurden als Vorhersagen verstanden, die noch auf ihre buchstäbliche Erfüllung warten. Die Wiederherstellungserwartung entwickelte sich später zum christlichen Zionismus als aktiverer Ausdruck solcher Überzeugungen.

Die Mitte: Inklusion, Erweiterung, Erfüllung

Zwischen diesen Positionen liegt noch ein weiteres Mittelfeld mit Positionen, dessen Bezeichnungen sich etwas überschneiden: Inklusions- oder Erweiterungstheologie, Erfüllungstheologie und sektiererischer Supersessionismus.

Die Erfüllungstheologie ist breit gefasst und etwas vage. Sie basiert auf der Idee, dass das Neue Testament und der Neue Bund den Alten Bund erfüllen. Befürworter dieser Theologie bieten unterschiedliche Erklärungen an, etwa indem sie Jesus als das wahre Israel oder den wahren Israeliten betrachten, der Israels Berufung und Mission erfüllt. Das wirft Fragen auf. Macht das Israel obsolet? Oder nicht? Ist die Gemeinde ein erneuertes Israel und steht sie daher in Kontinuität mit dem alttestamentlichen Israel – so dass diese Position keine Ersatztheologie darstellt?

Zumindest folgt aus dieser Ansicht, dass Israel wahrscheinlich keine besondere Rolle mehr zu erfüllen hat, auch wenn es vielleicht einen Platz für ein nationales Israel in Gottes Zukunft gibt.

Sektiererischer Supersessionismus ist die von N. T. Wright vertretene Sichtweise (Bird McKnight 2023:30ff) . Die Gemeinde ersetzt Israel nicht. Aber: Das Neue überschreibt und übertrifft das Alte.

Michael Byrd und Scott McKnight argumentieren, dass irgendeine Form von Supersessionismus für Christen unvermeidlich ist, weil der christliche Glaube den jüdischen Glauben erfüllt oder übertrifft. Wie kann man Christ sein und nicht glauben, dass das Neue, das Christentum, besser ist?

Eine Analogie könnte uns helfen. Betrachten wir Gottes Wort und Offenbarung als ein Betriebssystem. Wenn eine neue Version veröffentlicht wird, wird das System nicht durch etwas völlig anderes ersetzt; es wird aktualisiert. Die frühere Version bleibt Teil der Geschichte, wird aber zunehmend als veraltet und irgendwann als unbrauchbar empfinden. Ein solches Update geschah zum Beispiel am Berg Sinai. Nach Mose konnte man kein Israelit mehr sein und den mosaischen oder sinaitischen Bund ablehnen – und weiterhin seine eigenen Opfer bringen. Für Abraham war das noch völlig in Ordnung. Nach Sinai war damit aber Schluss.

Stellen der Tod und die Auferstehung Jesu also eine solche Aktualisierung dar? Es sieht so aus. Aber seien wir vorsichtig: Wenn ja, macht das Gesetz und Tempelsystem obsolet, nicht unbedingt Israel.

Die Inklusions– oder Erweiterungstheologie lehnt die Ersatztheologie ab und betrachtet das Volk Gottes stattdessen als erweitert: Es schließt Gläubige aus allen Nationen ein. Diejenigen, die an Jesus glauben, werden Teil dieses Volkes, sodass Israel nicht ersetzt oder abgelöst wird, sondern erweitert in eine große, nicht-ethnische Gemeinschaft, die wir Kirche oder Gemeinde nennen.

Wenn das so ist, bedeutet das, dass die Gemeinde Israel ist?

[Nebenbei: Es gibt zwei oder drei Aussagen in Paulus, die oft so verstanden werden: Die Gemeinde ist tatsächlich Israel. Ihre Interpretation ist jedoch selbst ein Minenfeld intensiver und emotionaler Debatten. Manche Ausleger sind der Überzeugung, Paulus wende den Titel Israel auf die ganze Gemeinde an; andere glauben, er meine damit das ethnische Israel. Die relevanten Aussagen sind: das „Israel Gottes“ in Galater 6,16, „ganz Israel“ in Römer 11,26 und vielleicht der „wahre“ Jude aus Römer 2,29. Wendet Paulus das Etikett Israel auf die gesamte Gemeinde an oder bezeichnet er mit Israel nur jüdische (Nicht)Gläubige? Die Meinungsverschiedenheit zu dieser Frage ist einer der Gründe, warum dieses Thema so umstritten bleibt.]

Israel und die Gemeinde

Ist die Gemeinde Israel? Diese Frage führt uns zum Kernproblem. Ersetzt die Gemeinde Israel und ist die Gemeinde daher tatsächlich Israel? Ist sie ein erneuertes Israel? Ein erweitertes Israel? Kann man sagen, dass die Gemeinde in irgendeiner Weise Israel ist? Und was bedeutet das für Israel im ethnischen oder nationalen Sinne, also für das jüdische Volk?

So formuliert ist die Frage schwer, vielleicht unmöglich zu lösen. Die Grundfrage wird so falsch eingegrenzt, weil sie nur die Kategorien Israel und die Gemeinde in Betracht zieht. Wir müssen eine dritte Kategorie einführen, um das Dilemma richtig zu erfassen.

Eine dritte Kategorie

Ich höre oder lese oft: „Israel ist Gottes Volk!“ Dies wirft jedoch die Frage auf: „Und was sind wir?“ Zweifellos ist – auch? – die Gemeinde Gottes Volk.

Bibelstellen wie Epheser 2 zeigen, dass das Neue Testament nur ein Volk Gottes kennt. Die zwölf Tore (zwölf Stämme) und zwölf Fundamente (zwölf Apostel) der einen Stadt Gottes in Offenbarung 21,12-14 deuten auf dieselbe Wahrheit hin. Die Gemeinde ist ein königliches Priestertum, ein Königreich von Priestern – derselbe Ausdruck, den 2. Mose 19,6 für Israel verwendet. Wer an Christus glaubt, ist ein Nachkomme Abrahams, ein Kind der Verheißung, ein Kind Gottes.

Doch obwohl die Gemeinde ohne Frage Gottes Volk ist, ist sie offensichtlich nicht das ethnische oder nationale Israel. Und in Römer 11 nimmt Paulus an, dass das Volk Israel in gewissem Sinne „sein Volk“ bleibt. Doch Israel ist nicht identisch mit der Gemeinde. Und es gibt nur ein Volk Gottes. Wie können all diese Aussagen gleichzeitig wahr sein? Die Thematik wirkt wie ein Rätsel!

Es braucht diese Feststellung: Das Kernproblem umfasst drei Konzepte, nicht nur zwei. Es geht um Israel, die Gemeinde und das Volk Gottes. Deswegen der Hinweis im Titel: „Israel und das Volk Gottes“, nicht „Israel und die Gemeinde. Dies wird oft übersehen; man reduziert das Problem auf eine binäre Formulierung.

Israel, die Gemeinde und das Volk Gottes bilden ein Dreieck. Wir haben es mit einem dreieckigen, nicht mit einem binären Dilemma zu tun.

Wir müssen fragen: Wenn Israel Gottes Volk ist, in welchem Sinne? Wenn die Gemeinde Gottes Volk ist, was bedeutet das dann für Israel?

Eine Formulierung zu finden, die allen biblischen Texten gerecht wird, ist eine Herausforderung. Zum Teil ist die Kontroverse das Ergebnis davon, dass man die begriffliche Komplexität nicht wahrnimmt: Es werden Begriffen verwendet, die sich überschneiden oder nicht immer exakt dieselbe Bedeutung haben.

Eine dritte Strategie

Im Versuch, das Dilemma zu verstehen, sind wir auf eine dritte hilfreiche Strategie gestoßen, um kontroverse Themen zu behandeln, neben der Kartierung und dem Wertequadrat. Wir können das Problem eventuell neu formulieren und eine andere Perspektive eröffnen, die den angenommenen Rahmen erweitert. Wie in: Israel, die Gemeinde und das Volk Gottes bilden ein Dreieck; es geht nicht um ein binäres Dilemma.

Ein weiteres Beispiel: Bei der Auslegung des Millenniums in Offenbarung 20 und den daraus resultierenden Szenarien ermöglicht uns das Verständnis des Gottesreiches als bereits präsent, aber noch nicht vollständig verwirklicht, eine dynamischere Sicht auf das „Ende“ (siehe The Still Great Planet Earth). Wenn der Fokus von einem Szenario der Endzeitereignisse weggelenkt wird, verlieren viele spekulative Details ihre Wichtigkeit.

Nächsten Monat: Wertequadrat!

Vor der Beurteilung ist ein kluger Schachzug eine Kartierung der Möglichkeiten vorzunehmen. Selbst wenn wir unsere Meinung nicht ändern, werden wir zumindest besser informiert sein.

Nächsten Monat werde ich mich aus praktischen Gründen auf zwei Hauptansichten konzentrieren: auf den christlichen Zionismus und  auf die Erfüllungs- oder Expansionstheologie, da diese die häufigsten Alternativen darstellen.

Bleiben wir dran: Was sind Wertequadrate und wie können sie uns helfen, kontroverse Fragen anzugehen und vielleicht zu entschärfen?

Bildnachweis

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NASA. 2003. Palestine in 2003 NASA Satellite Image https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Palestine_in_2003_NASA_satellite_image.jpeg (Public domain)

Literaturangaben

Bibelzitate, wenn nicht anders angegeben: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. 1999. Revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe (Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft)

Bird, Michael, and Scot McKnight (eds). 2023. God’s Israel and the Israel of God: Paul and Supersessionism (Lexham Academic; bezahlter Link)

Hornstra, Wilrens L. 2000. The Still Great Planet Earth: Four Scenarios for the End of the World, Version 1.43 (Create a Learning Site)

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