Hier folgt der dritte Beitrag einer Serie, die aus der Bibliquip 4 Konferenz entstanden ist. Diese habe ich im Mai 2026 für unsere Bibelschulmitarbeiter in Europa mitorganisiert (siehe Kartierung und Wertequadrat). Alle drei Beiträge suchen nach Wegen, kontroverse Themen zu behandeln. Diesmal ist der Ansatz, ein solches Thema aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten und möglichst alle relevanten Belege und Informationen zu berücksichtigen.
Diesen Inhalt gibt es in Englisch auch als VIDEO PODCAST
Außerdem handelt es sich hier um ein KI-Experiment. Es gibt eine Videoaufnahme meiner Vorlesung, die ich transkribieren ließ. Die Qualität war schlecht; es enthielt viel Unverständliches. Ich habe ChatGPT gebeten, das Transkript in einen lesbaren Entwurf umzuwandeln. Danach habe ich diesen Entwurf überarbeitet. Hier ist das Ergebnis.
Einleitung
Wenige Stellen im Neuen Testament haben mehr Diskussion ausgelöst als die Aussage des Paulus in Römer 11,26: „… und so wird ganz Israel gerettet werden.“ Bezieht sich „ganz Israel“ auf die christliche Gemeinde, die aus Juden und Heiden zusammengesetzt ist? Bezeichnet es das jüdische Volk als eine ethnische Gemeinschaft? Falls Letzteres, erwartet Paulus eine zukünftige Massenbekehrung Israels? Oder beschreibt er einfach die Rettung eines Überrestes Israels?
Diese Fragen lassen sich nicht beantworten, ohne den Kontext des Verses in Betracht zu ziehen. Die Aussage ist der Höhepunkt einer längeren Darlegung, die in Römer 9 beginnt und sich in Kapitel 10 und 11 fortsetzt. Nur wenn wir diese Argumentation sorgfältig analysieren, haben wir eine Chance zu verstehen, was Paulus meint.
Dieser Beitrag betrachtet daher die Argumentation in Römer 9-11 im Detail und legt besonderen Wert auf die Bedeutung, die der Begriff Israel hat. Anstatt den Text aus der Perspektive späterer theologischer Systeme zu betrachten – sei es Ersatztheologie, christlicher Zionismus oder eine der Zwischenpositionen – stellen wir eine einfache Frage: Wie verwendet Paulus den Begriff Israel?
Der Römerbrief: Das Evangelium für Juden und Heiden
Der Römerbrief wird oft hauptsächlich als systematische Darstellung des Evangeliums gelesen, was der Brief auch ist. Gleichzeitig schreibt Paulus mit einem besonderen pastoralen Anliegen im Blick: der Beziehung zwischen jüdischen und heidnischen Gläubigen innerhalb der Gemeinden in Rom.
Im gesamten Brief kehrt Paulus immer wieder zu diesem Thema zurück. Seine berühmte Zusammenfassung des Evangeliums enthält das Thema bereits: Das Evangelium ist „eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen“ (Röm. 1,16). Diese doppelte Betonung ist nicht nebensächlich. Sie bereitet den Leser auf eine der zentralen Fragen vor, die sich durch den gesamten Brief ziehen: Wie stehen Juden und Heiden zueinander in der Gemeinde Jesu?
Erst in den Kapiteln 14 und 15 spricht Paulus die Spannungen zwischen Juden- und Heidenchristen in Rom direkt an. Lange vorher legt er jedoch bereits die theologischen Grundlagen für seinen pastoralen Appell. Manchmal betont er Gottes fortwährende Treue zu Israel. An anderen Stellen betont er die vollständige Einbeziehung der Heiden und ihre Gleichwertigkeit. Er schafft es, beide Wahrheiten stehen zu lassen.
In Römer 9-11 steht das Thema Juden und Heiden, Israel und Gemeinde, theologisch im Zentrum. Hier behandelt Paulus eine wichtige Frage, die sich aus seiner Darstellung des Evangeliums ergibt:
Wenn Israel Gottes auserwähltes Volk war, wie kann es sein, dass so viele Juden Jesus nicht als Messias erkannt haben?
Das ist nicht nur ein historisches Rätsel. Es geht um grundlegende Fragen über Gottes Treue, die Identität seines Volkes und die Zukunft Israels.
Römer 9: Nicht Israeliten sind Israel
Die erste Antwort des Paulus ist überraschend. Er besteht darauf, dass Israels gegenwärtige Haltung Gott nicht überrascht hat. Tatsächlich gehört sie zu Gottes souveränen Absichten.
Paulus beginnt das Kapitel mit tiefer Trauer um sein eigenes Volk. Er zählt Israels außergewöhnliche Privilegien auf: die Kindschaft, die Herrlichkeit, die Bundesschlüsse, das Gesetz, den Gottesdienst, die Verheißungen, die Patriarchen und schließlich den Messias selbst, der menschlich gesehen aus Israel stammte.
Trotz dieser Privilegien haben viele Israeliten Christus abgelehnt. Hat Gottes Wort also versagt? Die Antwort des Paulus ist ein entschiedenes Nein: „Denn nicht alle sind Israeliten, die von Israel stammen“ (Röm. 9:6).
Diese Aussage wurde oft so verstanden, als würde Paulus Israel einfach neu definieren als die Gemeinde. Der Text ist jedoch subtiler als das.
Paulus trennt tatsächlich ethnische Identität und Anteil an den Verheißungen. Die reine biologische Abstammung von Abraham hat das Teilhaben an Gottes Rettung und Segen nie garantiert. Im Laufe der Geschichte Israels hat Gott unterschieden zwischen Isaak und Ismael, Jakob und Esau und wiederholt zwischen Treuen und Untreuen innerhalb Israels selbst.
Paulus sagt also ausdrücklich, dass nicht jeder ethnische Israelit zu jenem Israel gehört, das die Verheißungen Gottes erbt.
Beachte jedoch, was er nicht sagt. Er schließt daraus nicht, zumindest nicht hier, dass heidnische Gläubige deswegen zu Israel gehören. Dass dies so sei, wird oft angenommen, aber Paulus selbst zieht diese Schlussfolgerung hier nicht.
Später im Kapitel spricht er von denen, die Gott berufen hat, „nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden“ (Röm. 9,24). Heiden gehören nun zweifellos zu Gottes Volk: „Ich will das mein Volk nennen, das nicht mein Volk war“ (Römer 9,25).
Aber da zeigt sich ein wichtiger Unterschied. Paulus spricht vom Volk Gottes. Er sagt nicht ausdrücklich, dass Heiden dadurch auch zu Israel gehören.
Diese Unterscheidung ist leicht zu übersehen, doch sie erweist sich in Römerbrief 9-11 und im Blick auf Israel und Gemeinde als entscheidend. Wir beschäftigen uns mit drei verwandten Begriffen, nicht nur zwei:
- Israel
- Das Volk Gottes
- Die Gemeinde
Diese Begriffe überschneiden sich, aber für Paulus sind sie nicht identisch. Eine der Hauptherausforderungen bei der Auslegung von Römer 9-11 besteht genau darin, festzustellen, wie diese Begriffe miteinander in Beziehung stehen. Römer 9 schränkt dabei die Definition Israels in einem Punkt ein: Nicht jeder ethnische Israelit erbt die Verheißung allein auf Grund seiner biologischen Abstammung. Doch der Text geht nicht so weit, dass der Begriff Israel aufHeidenchristen ausgeweitet wird. Gelten die Heiden in Christus als Israel? Diese Frage bleibt offen.
Römer 10 und 11: Hat Gott sein Volk verstoßen?
Römer 10 setzt die Erklärung für Israels gegenwärtigen Unglauben fort. Obwohl Israel die Gerechtigkeit mit großem Eifer verfolgt hat, ist es ihm nicht gelungen, sie zu erreichen, weil es sie nicht durch den Glauben an Christus gesucht hat. Dieses Kapitel erklärt, wie Israel zu seinem heutigen Status gelangt ist.
Kapitel 11 stellt jedoch eine andere Frage: Hat Gott sein Volk verstoßen? Die Antwort verneint das mit Nachdruck: „Das sei Ferne!“ (Röm. 11,1). Auf den ersten Blick scheint die Antwort eindeutig: Israel ist immer noch Gottes Volk. Es stellt sich aber die Frage, was das genau heißt bei allem, was Paulus in Römer 9-11 sonst noch sagt.
Immerhin: Im gesamten Kapitel 11 spricht Paulus weiterhin über Israel als eine erkennbare historische und ethnische Gemeinschaft. Was ist aber Gottes Verhältnis zu dieser Gemeinschaft? Paulus zieht keine von zwei denkbaren, aber gegensätzlichen Schlussfolgerungen.
Einerseits kann das ungläubige Israel nicht einfach als bereits erlöst betrachtet werden, nur weil es den Sinai-Bund und die ursprüngliche Erwählung hat. Der Glaube an Christus bleibt unentbehrlich.
Andererseits kommt Paulus auch nicht zum Schluss, dass Israel als Volk dauerhaft ausgeschlossen wurde. Die gesamte Diskussion deutet auf eine komplexere Zwischenposition hin.
Gestrauchelt, nicht gefallen
In Römer 11,11 stellt Paulus eine weitere entscheidende Frage, die genau das klarmacht: „Sind sie gestrauchelt, damit sie fallen?“ Anders gesagt (so z.B. die NIV): Sind sie so gestrauchelt, dass sie nicht mehr zu retten sind? Auch hier ist seine Antwort eindeutig: „Das sei ferne!“
Israel ist nicht so definitiv gestrauchelt und gefallen, dass keine Wiederherstellung mehr möglich ist. Israel ist weder endgültig verworfen, noch ist es Gottes Volk ohne Wenn und Aber. Die Sprache, die Paulus in diesem Abschnitt verwendet, verdient sorgfältige Aufmerksamkeit; wörtlich übersetzt:
- Israel ist gestrauchelt.
- Israel hat eine Übertretung (oder ein Verbrechen) begangen.
- Israel hat versagt.
- In Römer 11,15 spricht Paulus sogar von Israels Verwerfung.
Auf den ersten Blick klingen diese Ausdrücke völlig negativ. Bemerkenswerterweise stellt Paulus sie jedoch nicht als das Ende der Geschichte Israels dar. Stattdessen markieren sie den Beginn einer neuen Phase in der Heilsgeschichte:
- Israels Versagen hat den Heiden Reichtum gebracht.
- Israels Übertretung hat die Türe geöffnet, damit das Evangelium sich in den Nationen verbreiten kann.
Das bedeutet nicht, dass Israels Unglaube an sich irgendwie gut war. Vielmehr staunt Paulus über Gottes Fähigkeit, aus Israels Versagen Segen hervorzubringen.
Aber das Scheitern ist nicht das Ende. Paulus weist wiederholt über Israels gegenwärtige Lage hinaus auf etwas, das noch kommen wird:
- Er spricht nicht nur von Israels Versagen und Übertretung, sondern auch von seiner Fülle (Lutherbibel: volle Zahl).
- Er spricht nicht nur von Israels Verwerfung, sondern auch von seiner Annahme.
Diese Begriffe deuten darauf hin, dass Paulus für Israels Zukunft etwas Besseres erwartet. Was das genau sein soll, wird schon lange diskutiert.
Ein Satz hat besondere Aufmerksamkeit erregt: „Was wird ihre Annahme anderes sein als Leben aus den Toten!“ (Röm. 11,15). Manche verstehen dies als Anspielung auf ein eschatologisches Ereignis unmittelbar vor der Rückkehr Christi. Diese Interpretation erscheint unwahrscheinlich. Warum dann, warum diese Juden? Ist für ihr Heil dann am Ende doch die jüdische Ethnizität ausreichend?
Außerdem beschreibt Paulus im gesamten Kapitel konsequent einen historischen Prozess statt eines plötzlichen apokalyptischen Eingreifens:
- Israels Straucheln führt zur Rettung der Heiden.
- Ihre Rettung wiederum soll Israel zur Eifersucht und zum Nacheifern reizen.
- Diese Eifersucht führt dann viele Juden zum Glauben an Christus.
Das beschreibt kein Ereignis, sondern einen Prozess. Paulus erwartet nicht einfach ein dramatisches Wunder am Ende der Geschichte. Er sieht sich durch seinen eigenen Dienst aktiv an diesem Prozess beteiligt. Das erklärt sogar, warum er sich so leidenschaftlich der Predigt unter den Heiden widmet: „… ob ich vielleicht meine Stammverwandten zum Nacheifern reizen und einige von ihnen retten könnte“ (Röm. 11,14).
Diese Aussage ist bedeutsam. Paulus glaubt offenbar, dass die Bekehrung der Heiden selbst Teil von Gottes Strategie ist, Israel zu ihm zurückzubringen. Die Gemeinde ist also nicht nur der Nutznießer von Israels Versagen. Sie wird auch zu Gottes Instrument für die letztliche Wiederherstellung Israels.
Leider ist die Gemeinde in der Geschichte genau an diesem Punkt oft gescheitert. Anstatt Israel zu Eifersucht zu provozieren, haben Christen die Juden feindselig und verächtlich behandelt. Die Vision des Paulus hingegen ist eine, in der gläubige Heiden so offensichtlich Gottes Barmherzigkeit erleben würden, dass viele Juden die Botschaft Jesu neu überdenken würden.
Diese Erwartung bereitet den Weg für das Bild des Ölbaums und letztlich für die Aussage, „und so wird ganz Israel gerettet werden“ (Röm. 11:26)

Der Ölbaum: Ein einziges Volk Gottes
In Römer 11,17-24 präsentiert Paulus eines der einprägsamsten Bilder im Römerbrief: den Ölbaum. Diese Metapher spielt eine zentrale Rolle in Diskussionen über Israel und die Gemeinde, doch überraschenderweise lässt Paulus den Baum undefiniert.
Die Hauptaussage der Metapher ist klar genug. Einige der natürlichen Äste sind wegen Unglaubens abgebrochen. Wilde Olivenzweige – also gläubige Nichtjuden – wurden eingepfropft. Die Absicht des Paulus ist es, Heidenchristen vor Arroganz gegenüber Juden zu warnen.
Gleichzeitig zeigt das Bild, dass die natürlichen Äste nicht hoffnungslos verdorren. Wenn sie nicht im Unglauben verharren, kann Gott sie wieder einpfropfen.
Doch wie bereits erwähnt, bleibt eine wichtige Frage unbeantwortet: Was genau repräsentiert der Ölbaum? Viele Leser gehen einfach davon aus, dass der Baum Israel darstellt. Manche denken an die Erzväter Israels. Andere verstehen den Baum als das Volk Gottes Wieder andere, die noch einen kleinen Schritt weiter gehen, argumentieren, dass sie die „Gemeinde“ des Alten und Neuen Testaments repräsentiert – und damit heute einfach die christliche Gemeinde selbst darstellt.
Die Vorstellung, dass der Baum das Volk Gottes repräsentiert, passt m.E. am besten. Alles beginnt mit den Erzvätern, insbesondere Abraham, als Wurzel. Aus seinem Glauben ging Israel als Nation hervor. Die Heidengläubigen sind zweifellos Teil dieses Ölbaums. Die Metapher umfasst somit mehr als das ethnische Israel.
Wenn das stimmt, repräsentiert der Ölbaum das Bundesvolk Gottes durch die Geschichte hindurch. Heidenchristen sind durch den Glauben in dieses Volk integriert. Sie werden keine Mitglieder zweiter Klasse. Sie stehen auch nicht einfach neben Israel als zweites Gebilde. Sie nehmen voll an der reichen Wurzel teil, die den Baum nährt und sind Teil dieses Baumes.
Dennoch ist es wichtig, zu beachten, was Paulus nicht sagt. Obwohl Heiden in den Ölbaum eingepfropft wurden und Teil des Gottesvolkes sind, sagt Paulus nicht ausdrücklich, dass sie dadurch Israel werden. Diese Beobachtung ist für die Auslegung von Römer 11,26 von großer Bedeutung.
In Römer 9-11 sowie an anderen Orten scheint Paulus zwischen der Identität als Gottes Volk und der Zugehörigkeit zu Israel als ethnische Gemeinschaft zu unterscheiden. Die beiden Bezeichnungen überschneiden sich, sind aber nicht einfach identisch.
Die natürlichen Zweige bleiben Israel
Die Metapher beleuchtet auch einen weiteren wichtigen Punkt. Obwohl manche der natürlichen Äste abgebrochen wurden, hören sie damit nicht auf, Israel zu sein (siehe Röm. 11,25). Sie haben zwar ihre Teilnahme am nährenden Leben des Baumes verloren. Aber sie verlieren nicht ihre ethnische Identität. Tatsächlich hängt die Möglichkeit, dass sie erneut eingepflanzt werden, von dieser fortwährenden Identität ab. Israel existiert weiterhin als erkennbares Volk.

„Die Fülle der Heiden“
Ein weiterer wichtiger Ausdruck erscheint unmittelbar vor der zentralen Aussage, „und so wird ganz Israel gerettet werden“. Paulus spricht von einer Verstockung, die einem Teil Israels widerfahren ist, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist“ (Röm. 11,25).
Wieder führt Paulus einen Begriff ein, den er nicht definiert. Was ist diese „Fülle der Heiden“? Bezieht sich das auf eine von Gott festgelegte Zahl? Oder geht es um eine große Menge der Heiden, die Gott in sein Reich bringen will? Paulus beantwortet diese Frage nicht.
Bemerkenswert ist jedoch die parallele Sprache, die er verwendet. Vorher hat er bereits von der Fülle Israels gesprochen (Röm. 11,12). Jetzt spricht er von der Fülle der Heiden.
Die Parallele muss Absicht sein. Was auch immer Paulus genau mit „Fülle“ meint, er wendet denselben Ausdruck auf beide Gruppen an. Die Symmetrie ist auffällig.
Diese Beobachtung sollte uns davon abhalten, „ganz Israel“ in Vers 26 zu verstehen, als ginge es zwangsläufig um jeden einzelnen Juden ohne Ausnahme.
So wie „die Fülle der Heiden“ nicht heißt, dass jeder nicht-Jude zum Glauben kommt, so muss „ganz Israel“ oder „die Fülle Israels“ nicht jeden einzelnen Israeliten einschließen, sondern betrifft Israel insgesamt.
Israels Versagen bringt den Heiden Erlösung. Die Rettung der Heiden wird wiederum zum Mittel, durch das Israel zur Einkehr gebracht wird. Wie in Römer 11,30-32 sichtbar wird, erwartet Paulus, dass Juden und Heiden gleichermaßen Empfänger göttlicher Barmherzigkeit werden.
Wir sind nun bereit für die zentrale Aussage von Vers 26, in der alle Fäden zusammenkommen.
“Und so wird ganz Israel gerettet”
Wenige Worte in den Briefen des Paulus haben mehr Debatten ausgelöst als diese:
Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; und so wird ganz Israel gerettet werden (Röm. 11,25f)
Wer ist „ganz Israel“? Im Großen und Ganzen haben zwei Hauptinterpretationen die Auseinandersetzung dominiert.
Die erste versteht „ganz Israel“ als die Gemeinde, bestehend aus gläubigen Juden und Heiden zusammen. Nach dieser Sichtweise verwendet Paulus „Israel“ hier in einem neu definierten oder erweiterten Sinn. Das wahre Israel ist das Volk Gottes in Christus, unabhängig von ethnischer Herkunft.
Die zweite versteht „ganz Israel“ als Bezeichnung für das jüdische Volk. Paulus äußert demnach die Erwartung, dass Israel als Volk noch eine Zukunft hat in Gottes Plan.
Beide Ansichten versuchen, dem Römerbrief gerecht zu werden. Die Frage ist, welche Auslegung am besten zum Verlauf von Römer 9-11 passt.
Wie Paulus „Israel“ verwendet
Immer wieder bezieht sich das Wort Israel in Römer 9-11 auf das jüdische Volk als ethnische Glaubensgemeinschaft. Das wirft eine offensichtliche Frage auf. Warum sollte der Ausdruck „ganz Israel“ in Vers 26 plötzlich eine andere Bedeutung haben?
Eine solche Veränderung ist zwar nicht undenkbar. In dieser Deutung wird das Wort ganz als Signal verstanden, dass „Israel“ hier eine andere Bedeutung hat als vorher. Zusammen mit dem Bild vom Ölbaum gilt es als Hinweis, dass es jetzt um ein größeres oder erweitertes Israel geht. Dieses Israel schließt sowohl Judenchristen wie auch Heidenchristen mit ein.
Der Kontext von Römer 9-11 deutet jedoch eher auf die alternative Deutung hin, in der es weiterhin um das Volk Israel geht. Sein Schicksal ist ja das eigentliche Anliegen des Paulus:
- Wie hat Israel auf den Messias reagiert?
- Hat Gott Israel verworfen?
- Welche Zukunft bleibt für Israel?
Das Thema ändert sich nicht. Es geht durchgehend um dieselbe ethnisch bedingte Gemeinschaft. Es ist unwahrscheinlich, dass die ersten „Leser“, die diesen Brief hörten, indem er vorgelesen wurde, „Israel“ in Vers 26 plötzlich anders verstanden hätten als überall sonst im Römerbrief.
Es ist wahrscheinlicher, dass dasselbe Israel, dessen Unglauben Paulus in den Kapiteln 9-11 bespricht, nun das Israel ist, das gerettet wird.
Das bedeutet nicht, dass jeder einzelne Jude automatisch gerettet wird, unabhängig von seiner persönlichen Reaktion auf Christus. Wir haben gesehen, dass Paulus von der Fülle der Heiden und der Fülle Israels spricht, eine klare Symmetrie. Es geht um Israel insgesamt. Einzelne Israeliten können das Evangelium weiterhin ablehnen, genauso wie einzelne Heiden es ablehnen können. Dennoch erwartet Paulus eine Zukunft, in der Israel als Volk viel umfassender an Gottes Rettung teilnimmt als bisher.
„Sie sind Feinde“
Römer 11,28 bestätigt, dass Paulus durchgehend an das ethnische Israel denkt: „Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen.“
Wer sind „sie“ in Vers 28? Offensichtlich Juden. Wichtig ist: Paulus definiert nicht, auf wen sich dieses Fürwort bezieht; der Bezug wechselt nicht. Deswegen können vorher, in Römer 11,26f, kaum andere gemeint sein. Das heißt, diejenigen, deren Sünden weggenommen werden, Jakob, und „ganz Israel“ beziehen sich alle auf dieselbe Gruppe.
„Und so“
Noch einmal zurück zu Vers 26. Wir sollten die ersten Worte des Verses nicht übersehen. Paulus sagt nicht: „Und dann…“,sondern: „Und so…“ Es geht nicht um wann, sondern um wie. Paulus kündigt kein zukünftiges Ereignis an, das von allem, was ihm vorausgeht, losgelöst ist. Stattdessen verweist er auf den Prozess, den er in Römer 11,11-15 schon beschrieben hat:
- Israels Versagen führt zur Rettung für die Heiden.
- Die Rettung der Heiden provoziert in Israel Eifersucht.
- Diese Eifersucht wird zum Mittel, durch das viele Juden zum Glauben geführt werden.
Es geht nicht um ein eigenständiges Wunder am Ende der Geschichte. Es geht um einen Prozess, der bereits durch den Einsatz des Paulus stattfindet. Beachten wir die Wiederholung des Wortes „jetzt“ oder „nun“ in Römer 11,30f. All das geschieht bereits „jetzt“ – also vor fast 2000 Jahren.
Der gesamte Prozess zeigt die Weisheit und Barmherzigkeit Gottes. Gott ersetzt Israel nicht durch die Heiden, sondern benutzt beide nacheinander als Werkzeug, um den jeweils anderen zu segnen. Hier geht es nicht um Ersatz, sondern um gegenseitige Barmherzigkeit:
Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme. (Röm. 11,30-32; Hervorhebung hinzugefügt)
Paulus-Zitat aus Jesaja
Aber wir greifen uns selbst vor. Unmittelbar nachdem Paulus erklärt, dass „ganz Israel gerettet werden“ wird und bevor er über Gottes Barmherzigkeit in Euphorie gerät, stützt Paulus seine Aussage in Vers 26 mit einem Zitat aus Jesaja:
Wie geschrieben steht: „Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.“ (Röm. 11,26f)
Auf den ersten Blick scheint das Zitat die verbreitete Erwartung einer Endzeitbekehrung Israels zu verstärken. Viele Leser verstehen Paulus so, dass der Vers sich auf die Wiederkunft Christi bezieht, der die zukünftige Bekehrung Israels herbeiführen wird. Aber das Zitat wirft Fragen auf.
Paulus zitiert Jesaja ungenau
Die erste Beobachtung ist überraschend. Paulus gibt Jesaja nicht wörtlich wieder. Seine Hauptquelle ist Jesaja 59,20f, mit Anklängen von Jesaja 27,9, aber Paulus passt die Formulierung in bedeutender Weise an.
Jesaja sagt (so wörtlich): „nach Zion wird er als Erlöser kommen“.
Paulus schreibt: „Es wird kommen aus Zion der Erlöser“.
Der Unterschied ist kein Zufall. Paulus hat absichtlich die Richtung des kommenden Befreiers geändert. Die Frage ist, warum.
Wenn Paulus lediglich beabsichtigte, Jesajas Prophezeiung als unerfüllte Vorhersage zu wiederholen, ist es schwer zu erklären, warum er den Text genau an dieser Stelle modifiziert. Die Veränderung impliziert, dass Paulus Jesaja im Licht des vollendeten Werkes Christi liest.
Eine in Christus erfüllte Verheißung
Der Rest des Zitats deutet in dieselbe Richtung:
- Gottlosigkeit wird von Jakob abgewendet.
- Er spricht von Gottes Bund.
- Ihre Sünden werden weggenommen.
Diese Themen bilden das Herz des Evangeliums, das Paulus im Römerbrief darlegt:
- Christus ist bereits gekommen.
- Der neue Bund wurde eingeweiht.
- Die Vergebung der Sünden wurde durch den Tod und die Auferstehung Christi verwirklicht.
Nichts davon wartet noch auf Erfüllung. Das deutet darauf hin, dass dieses Zitat anders zu verstehen ist. Paulus verweist auf das erlösende Werk, das bereits in Christus vollbracht wurde, während er gleichzeitig darauf besteht, dass dieses Werk in Bezug auf Israel sein beabsichtigtes Ziel noch nicht vollständig erreicht hat.
Mit andern Worten: Die Verheißung wurde erfüllt, aber ihre vollständige Anwendung auf Israel steht noch aus.
Eine unvollendete Geschichte
Diese Auslegung passt gut zum Gedankengang in Römer 11. Paulus beschreibt einen historischen Prozess, der bereits im Gange ist. Das gilt auch für das Zitat aus Jesaja: Der Erlöser ist gekommen. Es ist tragisch, dass so viele in Israel das nicht wahrgenommen haben. Doch Paulus weigert sich daraus zu schließen, dass diese Geschichte damit zu Ende ist. Diese große Erlösung muss auch auf das jüdische Volk insgesamt eine Anwendung finden.
Die entscheidende rettende Handlung liegt in der Vergangenheit, im Tod und in der Auferstehung Jesu, nicht in einem zukünftigen Erlösungsereignis. Was in der Zukunft liegt, ist kein neues Heilswerk, sondern die breitere Anwendung einer bereits verwirklichten Erlösung.
Die Geschichte ist noch nicht fertig.
Theologische Konsequenzen
Die in diesem Beitrag vorgeschlagene Auslegung löst nicht alle Fragen rund um Israel und die Gemeinde. Ebenso wenig erklärt sie jede Schwierigkeit in Römer 9-11. Paulus lässt bestimmte Begriffe undefiniert, und es wäre unklug, größere Gewissheit zu beanspruchen, als es die Worte des Apostels selbst zulassen.
Dennoch treten mehrere Schlussfolgerungen mit größerer Klarheit hervor.
Erstens lässt Römer 11 keinen Raum für zwei unterschiedliche Heilswege für Juden und Heiden. Derselbe Erlöser kam sowohl für Juden als auch für Heiden. Im gesamten Brief verkündet Paulus konsequent die Rechtfertigung allein durch den Glauben an Jesus Christus.
Gleichzeitig verneint Paulus eindeutig, dass Israels Geschichte zu Ende ist. Gott hat sein Volk nicht verstoßen; es wird seine Barmherzigkeit erleben wie nie zuvor.
Dies hat wichtige Auswirkungen auf die Beziehung zwischen Israel und der Gemeinde. Glaubende Heiden sind vollständig in Gottes Bundesvolk integriert. Sie haben Anteil an derselben Wurzel. Sie sind Miterben der Verheißungen. In diesem Sinne wurde das Volk Gottes tatsächlich um die Nationen erweitert.
Dennoch sagt Paulus nicht, dass die Gemeinde jetzt Israel ist. Diese Beobachtung verdient Aufmerksamkeit. Volk Gottes ja, aber nicht Israel.
Denn Paulus sieht ein einziges Volk Gottes, das sich um Christus zentriert und in Gottes Verheißung und Bund verwurzelt ist, während er gleichzeitig weiterhin von Israel als ein erkennbares historisches Volk spricht, dessen Geschichte noch nicht zu Ende ist. In Gottes Zukunft gibt es einen Platz für Israel unter den Nationen.
Erweiterung und Inklusion
Römer 11 führt meiner Ansicht nach somit zu dem, was man am besten als Inklusions-Theologie bezeichnen könnte. Das Evangelium führt nicht dazu, dass Israel durch die Völker ersetzt wird. Ebenso wenig gehen Judenchristen und Heidenchristen getrennte Wege. Vielmehr erfahren die Nationen Gnade durch Israels Messias und werden in das Volk Gottes aufgenommen, während dieselbe Gnade weiterhin Israels Wiederherstellung (zu Gott!) und Errettung sucht. Das Ergebnis ist weder Ausschluss noch Ersatz, sondern Inklusion.
Paulus erkennt eine bemerkenswerte Gegenseitigkeit, eine wunderschöne Symmetrie: Israels Versagen ebnet den Weg zur Rettung der Völker. Das Heil der Völker wird dann zu Gottes Werkzeug, um Israel zurückzuführen. Die Fülle beider wird zum Heil gelangen. Gott will sich aller erbarmen.
In Christus bilden Juden und Heiden zusammen „sein Volk“ (Sach. 2,11; Offb. 21,3). Gemeinsam verherrlichen sie Gott für seine Barmherzigkeit, während sie staunen über die Weisheit Gottes, die Israels Versagen, das Heil der Völker und die Erlösung Israels zu einer zusammenhängenden Gnadengeschichte verweben kann:
O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! (Röm. 11,33)
Bildnachweis
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Literaturangaben
Bibelzitate, wenn nicht anders angegeben: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. 1999. Revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe (Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft)
