Wer ist Immanuel (Jes. 7,14)?

Während ich dies schreibe, arbeite ich an Vorlesungseinheiten für das Buch Jesaja. Sie richten sich an Studierende der Online-Version der School of Biblical Studies (SBS), werden aber jedem Interessenten zur Verfügung stehen. Diese Ausgabe ist eine dieser Einheiten – um dir einen Vorgeschmack zu geben! Ich werde dir Bescheid geben, wann und wo die anderen Einheiten verfügbar sind (irgendwann auf YouTube, allerdings nur auf Englisch).

Diesen Inhalt gibt es in Englisch auch als VIDEO PODCAST

Was als Vorbereitung auf einen Vortrag begann, entwickelte sich zu einer weiteren Übung im Umgang mit einem kontroversen Thema. Ein bestimmter Vers führte zu einer langen und fruchtbaren Diskussion mit der Person, die mich gebeten hatte, die Vorträge vorzubereiten.

Es hat mir wieder gezeigt, wie viel wir gewinnen, wenn wir einen Text aus mehr als einem Blickwinkel betrachten und auf Interpretationen achten, die sich von unseren eigenen unterscheiden. Hüte dich vor dem Bestätigungsfehler: nur wahrnehmen oder beachten, was die eigene Überzeugung bestätigt!

Ein umstrittener Vers

Es geht um einen Vers in Jesaja, dessen Bedeutung umstritten ist. Wir werden unter anderem prüfen, ob sein breiterer Kontext uns hilft, ihn zu deuten. Dazu gehört sein historischer Kontext wie auch der Kontext der gesamten Bibel, da der Vers im Neuen Testament zitiert wird. Das werden wir ebenfalls berücksichtigen. Es wird erfordern, dass wir uns mit der Frage auseinandersetzen, wie das Neue Testament das Alte verwendet.

Historischer Hintergrund

Zunächst schildere ich die Umstände, basierend auf Jesaja 7,1-13. Es ist das Jahr 734 v. Chr. Assyrien wird zunehmend zu einer Bedrohung, mit der man in Juda und Israel rechnen muss. Syrien (oder Aram) und das Nordreich Israel streben an, ein Bündnis mit ihren Nachbarn gegen Assyrien zu schmieden. Aber Ahas, der König von Juda, ist nicht willens.

Deshalb fallen Israel und Syrien gemeinsam in Juda ein und planen einen Angriff auf Jerusalem, um Ahas abzusetzen. In dieser Situation schickt Gott Jesaja und seinen Sohn mit einer Verheißung: Diese beiden Könige von Israel und Syrien werden nicht siegen.

Als Nächstes fordert Gott Ahas heraus, um ein Zeichen seiner Wahl zu bitten. Doch Ahas lehnt mit anscheinend frommer Begründung ab: „Ich will’s nicht fordern, damit ich den HERRN nicht versuche“ (Jes. 7,12). Jesaja informiert uns nicht näher, aber im Buch der Könige (2. Kö. 16,7-9) finden wir die Erklärung, den eigentlichen Grund: Ahas hat Gesandte zu Tiglat-Pileser, dem König von Assyrien, gesandt und um Hilfe gebeten. Er verlässt sich lieber auf die Assyrer als auf Gott zu vertrauen.

In Jesaja 7,14-16 kündigt Jesaja dennoch ein Zeichen an:

Darum wird euch der HERR selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel. Butter und Honig wird er essen, bis er weiß, Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen. Denn ehe der Knabe lernt Böses verwerfen und Gutes erwählen, wird das Land verödet sein, vor dessen zwei Königen dir graut.

Also, wer ist dieses Kind? Wir würden es in naher Zukunft erwarten, aber dann erinnern wir uns an Matthäus 1,23; dort wird das Wort auf Jesus bezogen. Ist er die Erfüllung? Oder gibt es eine doppelte Erfüllung, d.h., verweist die Prophetie zunächst auf ein Kind zu Jesajas eigener Zeit und dann, in einer zweiten Erfüllung, auf Jesus?

Wir könnten das Problem so formulieren:

Sagt [Jesaja] eine Geburt in entfernter Zukunft voraus, oder gibt es schon zu seiner Lebzeit ein zeichenhaftes Kind, das später das Muster wird, durch das Matthäus den Messias erkannt? (so ChatGPT)

Beachte, dass die Formulierung hier subtiler ist als „doppelte (zweifache) Erfüllung“.

Wie erwähnt, hatten die Person, die mich um diese Vorlesungen über Jesaja für die Online-SBS bat, und ich eine Diskussion über E-Mail. Basierend auf der Korrespondenz bat ich ChatGPT, unsere jeweilige Argumentation zusammen zu fassen. Das Ergebnis folgt, leicht bearbeitet.

Während du die beiden unten aufgeführten Alternativen liest, versuche, deine eigene Position zu dieser Frage zu klären. Du könntest dir auch noch die Fortsetzung der Bibelstelle, Jesaja 7,14-9,7, ansehen. Welche Option überzeugt dich mehr?

Option A: Jesaja 7,14 ist eine direkte messianische Prophetie

Jesaja 7 beginnt während einer politischen Krise. König Ahas fürchtet eine Invasion durch Syrien und Israel, doch Jesaja sagt ihm, er solle keine Angst haben, da ihr Plan scheitern werde. Als Ahas Gottes Angebot eines Zeichens ablehnt, wendet sich Jesaja nicht nur an Ahas, sondern an das gesamte Haus Davids (beachte den Wechsel vom Singular zum Plural in Vers 13-14). Das Versprechen reicht daher über einen verängstigten König hinaus bis hin zu Davids königlicher Linie.

Das Zeichen selbst ist außergewöhnlich: „Eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.” Obwohl das hebräische Wort almah nicht unbedingt Jungfrau bedeutet, bezieht es sich normalerweise auf eine unverheiratete junge Frau. Die antike griechische Übersetzung (die Septuaginta), die lange vor Jesus entstand, übersetzte es mit parthenos (d.h. Jungfrau). Matthäus folgt dieser Übersetzung, wenn er von Jesu Geburt spricht: „Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben“ (Matt. 1,23).

Mehrere Merkmale deuten darauf hin, dass Jesaja ein einzigartiges Kind im Blick hat. Das Kind erhält den bemerkenswerten Namen Immanuel („Gott mit uns“), ein Name, der in Jesaja 8,8 und 10 nochmals auftaucht.

Jesaja 9 bezieht sich auf ein Kind, dessen Namen die eines gewöhnlichen Königs ebenfalls übersteigen: „Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“. Es ist dasselbe Kind. Jesaja 11 spricht dann erneut von diesem davidischen Herrscher aus der Linie Isais, der Gottes Reich in seiner Fülle bringt.

Eine Schwierigkeit besteht darin, dass Jesaja 7,15-16 die Jugend des Kindes mit dem Untergang Syriens und Israels verknüpft, Ereignissen, die im 8. Jahrhundert v. Chr. stattfanden. Jesaja gibt jedoch nicht an, wann das Kind geboren wird. Die Prophetie besagt einfach, dass diese Königreiche verschwunden sein werden, bevor das Kind ein bestimmtes Alter erreicht. Das Kind könnte Jahrhunderte später geboren werden, ohne der Formulierung zu widersprechen.

Matthäus entdeckt daher nicht nur ein Muster in Jesaja; er identifiziert Jesus als das Kind, das Jesaja vorhergesagt hat. Es gibt nur ein Kind. Die Prophetie wartete auf ihre einzige wahre Erfüllung in der wundersamen Geburt Christi, des einzigen Immanuel, Gott mit uns.

Option B: Jesaja 7,14 hat eine historische Erfüllung, die auf Christus verweist

Jesaja 7 behandelt eine spezifische historische Krise. Juda sieht sich einem Angriff aus Syrien und Israel gegenüber, und Ahas ist entsetzt. Jesaja bietet daher ein Zeichen, dass Gott Jerusalem bewahren wird. Da das Zeichen im Kontext dieser unmittelbaren Krise gegeben wird, muss es für Jesajas eigene Generation Bedeutung gehabt haben.

Im Kontext von Jesaja 7 gehören die Verse 14-16 zusammen: Ein Kind wird geboren und Immanuel genannt, und bevor es eine bestimmte Entwicklungsstufe erreicht, werden die Länder der beiden bedrohlichen Könige weitgehend verlassen sein. Wenn wir den historischen Kontext ernst nehmen, muss Jesaja ein Kind in seiner eigenen Zeit erwartet haben.

Wer war dieses Kind? Vorschläge umfassen Jesajas eigenen Sohn, Maher-shalal-hash-baz (Jes. 8,1-4), Hiskia oder ein sonst unbekanntes Kind. Keiner dieser Vorschläge ist problemlos, aber sie teilen alle die Überzeugung, dass die Prophetie zuerst die Zeitgenossen Jesajas ansprach.

Wie kann Matthäus also sagen, dass die Prophetie in Jesus „erfüllt“ wurde?

Das Neue Testament verwendet das Konzept Erfüllung oft weiter gefasst als einfache Vorhersage und Erfüllung. Zum Beispiel wendet Matthäus Hosea 11,1 („Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen“) auf Jesus an, obwohl Hosea von Israels Vergangenheit sprach und nicht den Messias vorhersagte. Jesus wiederholt aber Israels Geschichte; zum Beispiel wird Jesus als der neue Mose und der größere David dargestellt. In solchen Fällen bedeutet Erfüllung, dass eine frühere Person, ein früheres Ereignis oder ein bestimmtes Muster seinen vollen Ausdruck in Christus findet.

Nach dieser Ansicht wurde die Geburt des Kindes namens Immanuel zu einem Beispiel für Gottes Versprechen, während einer nationalen Krise „mit uns zu sein“. Matthäus erkennt an, dass Jesu Geburt der Höhepunkt und ultimative Ausdruck derselben Realität ist. Die Übereinstimmung ist nicht zufällig, sondern theologisch. Wo das erste Kind Gottes Gegenwart mit Juda symbolisierte, ist Jesus Immanuel im vollstmöglichen Sinne: Gott selbst gegenwärtig unter seinem Volk.

So sprach Jesaja 7,14 wirklich das 8. Jahrhundert v. Chr. an und bereitete die Leser zugleich auf einen größeren Immanuel vor, der noch kommen sollte. Matthäus behauptet nicht, dass Jesaja (in 7,14) zwei Geburten vorhergesagt hat, sondern dass die erste Geburt ein göttlich beabsichtigtes Muster oder Modell aufgestellt hat, dessen tiefste Bedeutung in der jungfräulichen Geburt Christi offenbart wird.

Die Geburt: Wie besonders? Das Kind: Wer ist es?

Was jetzt? Wir stehen vor zwei zentralen Fragen. Wie verstehen wir die Geburt als Zeichen? Und wer ist das Kind? Zuerst das Zeichen.

Ein Zeichen lässt uns zumindest etwas Ungewöhnliches erwarten. Das ursprüngliche Angebot in Jesaja 7,11 gibt Ahas absolute Freiheit, ein Zeichen zu wählen, egal welches. Das Parallelzeichen, das Hiskia gegeben wird, scheint ein Wunder zu sein (Jes. 38,7-8). Auch hier würden wir das erwarten.

„Die Almah schwanger und gebärend“, so heißt es im Text wörtlich. Die Übersetzung in der Luther-Bibel, „Jungfrau“, ist gewagt. Leider ist das hebräische Wort zu selten, um sicher zu sein. Es bezieht sich aber nie auf eine verheiratete Frau. Und die Septuaginta, wie erwähnt, übersetzte Jungfrau. Jemand zu jener Zeit der Übersetzung war wohl der Meinung, die Geburt würde ein Wunder sein und hätte noch nicht stattgefunden. Matthäus hat es wahrscheinlich [beachte meine Vorsicht: wahrscheinlich] ähnlich gesehen.

Wenn die Prophetie jedoch ein Kind in naher Zukunft betrifft, muss die Geburt weit weniger spektakulär sein, als es die Luther-Übersetzung vermuten lässt.

Oder kann es beides sein? Schließlich erscheinen einige der „Erfüllungen“ in Matthäus auf den ersten Blick weit hergeholt. Und das Kind soll Butter und Honig essen, bevor es ein bestimmtes Alter erreicht hat, als Folge dessen, was die Assyrer getan haben. Und wir wissen, dass dieser Angriff zu Jesajas Lebzeiten stattfand. Warum also nicht das Kind? Aber was ist dann mit Matthäus?

Verwirrend. Kein Wunder, dass es eine Debatte gibt.

In diesem Zusammenhang ist es nicht ungewöhnlich, von doppelter Erfüllung zu sprechen. Ich finde diesen Begriff problematisch, aber wir werden sehen.

Was die zweite Frage betrifft, wer das Kind in Jesaja 7,14 ist, werde ich drei mögliche Lösungen besprechen:

  1. Maher-shalal-hash-baz, der Sohn des Jesaja, und Jesus, eine doppelte Erfüllung
  2. Maher-shalal-hash-baz, mit einer Erklärung für das scheinbar aus dem Zusammenhang gerissene Zitat im Matthäusevangelium
  3. Jesus

Die Luther-Bibel übersetzt Maher-shalal-hash-baz übrigens mit Raubebald-Eilebeute. Auch dieser Name ist in Jesaja prophetisch und zeichenhaft. Es geht darum, dass das von Israel und Syrien Geraubte bald wieder zu Beute wird – so gewonnen, so geronnen.

Das Kind: Doppelte Erfüllung?

Also, wer ist das Kind? Die erste Möglichkeit: Kann es beides sein, ein Kind, das damals in den Tagen Jesajas geboren wurde, und dann Jahrhunderte später Jesus als zweite Erfüllung? Wäre das eine gute Möglichkeit, sowohl Jesaja (und seinem historischen Kontext) als auch Matthäus gerecht zu werden?

Das führt uns zu einer größeren Frage: die Verwendung des Alten Testaments im Neuen Testament, oder genauer gesagt, wie das Neue Testament die Erfüllung der Prophetie im Alten Testament behandelt.

Das Alte Testament im Neuen Testament

Vielleicht entstehen unsere Schwierigkeiten mit Jesaja 7,14, weil wir annehmen, dass Prophetie immer als eine direkte Vorhersage funktioniert: Etwas wird im Voraus verkündet, und später tritt das vorhergesagte Ereignis ein.

Nach diesem Verständnis von Erfüllung ist doppelte Erfüllung eine wenig überzeugende Lösung. Warum sollte es eine weitere Erfüllung geben, nachdem eine Vorhersage sich erfüllt hat? Und woher sollten wir das wissen? Verwenden wir doppelte Erfüllung vielleicht als Ausrede, damit wir der schwierigen Frage ausweichen, wie der Autor im Neuen Testament die Verbindung verstanden haben könnte?

Wie Matthäus das Alte Testament verwendet, deutet auf ein breiteres Verständnis von Erfüllung hin. Zwei Beispiele.

Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen“. (Mt. 2,14-15)

Hier wird Hosea 11:1 zitiert. Im Kontext spricht Hosea vom Exodus, einem Ereignis in der Vergangenheit. Matthäus muss das gewusst haben; Hosea sagt keinen zukünftigen Messias voraus. Dennoch sagt Matthäus, dass Jesu Rückkehr aus Ägypten Hoseas Worte „erfüllt“ habe. Was meint er? Der ursprüngliche Text ist keine Vorhersage.

Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht: „In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen“. (Mt. 2,17-18)

Das poetische Bild in Jeremia 31,15 sieht Rachel weinen; hier gibt es tatsächlich eine Vorhersage. Doch der Kontext der Erfüllung ist das Babylonische Exil, kein Ereignis unter späterer römischer Besatzung.

Hat Matthäus also einfach seine Beweistexte aus ihrem Kontext in Hosea und Jeremia herausgerissen? Ist das eine willkürliche Verwendung von Bibelversen?

Nein. Ein Teil des Problems liegt bei uns. Wir haben ein enges Verständnis von Vorhersage und Erfüllung. Wir nehmen an, dass die Propheten klare und spezifische Vorhersagen gemacht haben, auf die ebenso spezifische Erfüllungen folgen. Und dann sind wir erstaunt, dass Matthäus unsere Erwartungen nicht erfüllt – Wortspiel beabsichtigt.

Ich bin überzeugt, dass die Verwendung im NT niemals willkürlich ist, aber sie folgt auch nicht diesem vereinfachten Schema.

Nicht jede Nutzung bedeutet Erfüllung

Wir müssen hier vorsichtig sein und eine wichtige Unterscheidung treffen. Viele Zitate und andere Verwendungen des Alten Testaments im Neuen Testament drehen sich nicht um Prophetie und Erfüllung.

Es kann eine literarische (Wieder-)Verwendung von Wörtern und Bildern geben. Jesaja selbst tut dies mit Leviathan in Jesaja 27,1. Leviathan, ein mythologisches Monster, entlehnte er nicht der Schrift, sondern der kanaanitischen (!) Mythologie. Aber Jesaja gibt ihm seine eigene Bedeutung.

Johannes macht das oft in der Offenbarung. Zum Beispiel sind die zwei Leuchter und die zwei Olivenbäume in Offenbarung 11 ein Echo aus Sacharja 4. Aber die Bedeutung ist eine andere. Offenbarung 11 beansprucht keine Wiederholung oder doppelte Erfüllung. In solchen Fällen gibt es eine freie Entlehnung von Wörtern oder Bildern.

Wenn das Zitat oder die Anspielung jedoch als Argument verwendet wird, steckt meist, vielleicht immer, solide Theologie dahinter. Schauen wir uns das Zitat aus Hosea 11,1 noch einmal an.

Wenn von Erfüllung die Rede ist

Wie erwähnt, muss Matthäus gewusst haben, dass Hosea 11,1 überhaupt keine Vorhersage ist. Er geht davon aus, dass Jesus Israels Geschichte neu lebt und sie zu ihrer beabsichtigten Vollendung führt. Israel kam aus Ägypten; Jesus kommt aus Ägypten. Israel durchquerte 40 Jahre die Wüste; Jesus zieht sich 40 Tage in die Wüste zurück. Die Geschichte wird zu einem Muster, das sich wiederholt.

Andernorts erkennt Matthäus ebenfalls Muster und Parallelen, die er als Erfüllung im weiteren Sinne sieht. Beachte, dass Jesus in der Bergpredigt sagt, er sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten zu erfüllen (Mt. 5,17). Nicht zu tun, sondern zu erfüllen. Nicht nur die Propheten, sondern auch das Gesetz. Wie erfüllt man das Gesetz? Dies deutet ebenfalls auf ein breiteres Konzept der Erfüllung hin.

Matthäus stellt Jesus als den vollkommenen – und größeren – Mose dar, der eine höhere Tora bringt. Er ist der größere David und der eigentliche Gottesknecht. Er ist der größere Adam. Er ist Israel. Er erfüllt Israels Mission. Daher kommt er wie Israel aus Ägypten. Deshalb verbringt er 40 Tage der Versuchung in der Wüste, wobei Jesus, anders als Israel, den Test besteht.

Die Psalmen

Diese Art, das Alte Testament zu lesen, beschränkt sich nicht auf Matthäus. Ähnliches sehen wir, wenn die Urgemeinde die Psalmen liest. Auch sie erkennt dort in Jesus den größeren David.

Am Pfingsten in Apostelgeschichte 2 steht Petrus auf und zitiert Psalm 16: „Denn du wirst mich nicht dem Tod überlassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Verwesung sehe“ (Apg. 2,27), und findet darin Davids Vorhersage der Auferstehung Jesu.

Hast du dich jemals über die Logik oder die Verwendung der Schrift hier gewundert? Ist die Aussage in Psalm 16 wirklich eine Vorhersage, dass der Messias von den Toten auferstehen wird?

Das Argument des Petrus – denn er nutzt den Vers als Argument – hat jedoch mehr zu bieten, als wir vielleicht erkennen.

Erstens, im Judentum des Zweiten Tempels, in der jüdischen Welt der Jahrhunderte vor und um Jesu Zeit, wurden die Psalmen prophetisch und messianisch gelesen. Es ist zu beachten, dass das auf Psalm 16 basierende Argument, das uns so überrascht, beim Publikum einen tiefen Eindruck hinterlässt. Das Argument überzeugt. Das Publikum und Petrus haben das gleiche Verständnis davon, wie das Buch der Psalmen gelesen werden sollte.

Und dieses Verständnis ergibt Sinn. Warum diese enorme Betonung auf David in den Psalmen? Fast die Hälfte von ihnen trägt seinen Namen. Das ist alles Vergangenheit! Oder etwa nicht?

Man kann die Anordnung der Psalmen so verstehen: Die Darstellung der Vergangenheit ist Muster und Schlüssel. Was damals war, zu Davids Zeiten, spricht prophetisch von dem, was (oder der) kommen wird: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN!“ (Ps. 118,26; vgl. Mt. 21,9). Das heißt, hier kommt der Sohn Davids – so die Menge, die Jesus am Palmsonntag begleitet. Beachte, wie sie das Ereignis, den Einzug in Jerusalem, als Erfüllung von Psalm 110 und 118 interpretieren.

Dies, mehr als direkte Prophetie (obwohl es die im Buch auch gibt), macht das Buch der Psalmen zu einem prophetischen Buch. Die Lage, in der Israel sich befindet, als das Buch der Psalmen fertig geschrieben wurde, kann nicht das Ende sein. Davids Leben und die Verheißung in 2. Samuel 7 rufen nach einem größeren David und versichern den Lesern, dass ein größerer David kommen wird, denn der HERR wird seine Verheißung einhalten (siehe Die Struktur des Buches der Psalmen und seine Botschaft 2 für mehr dazu).

Zusätzlich ist noch wichtig: In vielen Fällen gibt uns der Text des Neuen Testaments nur das eigentliche Zitat. Auf den ersten Blick mag es wirken, als sei es aus dem Zusammenhang gerissen worden. Doch es geht hier nicht nur um einen Vers hier und einen anderen dort. Ganze Geschichten aus dem Alten Testament werden nach dem Tod und der Auferstehung Jesu neu verstanden. In Lukas 24,25-32 „öffnete“ Jesus den Jüngern „die Schrift“. Das Alte Testament ist voller Muster: Es gibt einen neuen Exodus, eine größere Rückkehr aus dem Exil und – einen größeren David. Es gibt nicht unbedingt eine Vorhersage. Aber es gibt eine Parallele.

Diese Lesart ist manchmal innovativ und fantasievoll. Aber sie ist niemals willkürlich.

Das Kind: Maher-shalal-hash-baz?

Also, zurück zu Jesaja 7,14. Wer ist das Kind, wenn wir eine grobe oder vereinfachte doppelte Erfüllung ablehnen? Könnten wir in Matthäus 1,23 statt von einer doppelten Erfüllung von einer Muster-Erfüllung reden? Das will heißen, dass Jesaja eine relativ unkomplizierte Erfüllung in der direkten Zukunft ankündigt und Matthäus darin ein Muster erkennt, das sich in größerem Maße in der Empfängnis und Geburt Jesu wiederholt, der schließlich der „wirkliche“ Immanuel ist?

In dem Fall stellt sich aber unmittelbar die Frage: Welches Kind zur Zeit Jesajas qualifiziert sich dann als Immanuel?

Es kann nicht Hiskia sein, der bereits geboren wurde. 701 v. Chr., das Jahr der Invasion Sanheribs, ist das 15. Jahr seiner Herrschaft, und er war 25, als er zu regieren begann.

Zu behaupten, es sei ein unbekanntes Kind gewesen, ist unbefriedigend; es kann weder bewiesen noch widerlegt werden. Ende der Diskussion.

Aber im weiteren Kontext, nur wenige Absätze später, wird nochmals ein Kind erwähnt: Maher-shalal-hash-baz. Kann Immanuel gleichzeitig Maher-shalal-hash-baz sein? Diese Lösung ist nicht ohne Probleme.

Die Prophetie in Kapitel 8 ist ähnlich wie Jesaja 7:14-16, aber dennoch anders. Sowohl der Zeitrahmen als auch das vorhergesagte Ereignis unterscheiden sich. Von der Empfängnis bis zum Jungen, der seine Eltern ruft (Jes. 8,3-4), braucht es weniger als zweieinhalb Jahre. Bis dahin wird Israels Beute aus dem Krieg wieder zu Plünderung werden, da die Assyrer sie nehmen oder als Tribut erhalten. Es wird keine Entvölkerung erwähnt.

Für Immanuel ist der Zeitraum schwerer zu deuten: „…ehe der Knabe lernt Böses verwerfen und Gutes erwählen“ (Jes. 7,16), aber das braucht auf jeden Fall länger, als „Vater“ oder „Mutter“ sagen zu können. Und was zuvor geschehen ist, ist nicht nur die assyrische Invasion Israels im Jahr 732 v. Chr., sondern auch die Entvölkerung des Landes, die 722 v. Chr. oder etwas später stattfand.

Außerdem, obwohl die Übersetzung des hebräischen Almah mit Jungfrau wahrscheinlich zu viel behauptet, bleibt die Tatsache, dass Jesajas Ehefrau, die vermutlich bereits Shear-jashub geboren hat, nicht als Almah gelten kann.

Außerdem passt der Name nicht. Und was sollen wir mit Jesaja 8,8 machen? Wenn Maher-shalal-hash-baz das Kind von 7:14 ist, können wir dann umformulieren: O Maher-shalal-hash-baz? Vielleicht impliziert dieser Vers eine größere Figur als Jesajas Son [vielleicht].

Und dann gibt es den Hinweis auf eine Jungfrauengeburt in Matthäus. Sicherlich glaubte Matthäus nicht, dass dies schon einmal geschehen sei und dass die Geburt Jesu eine Parallele zu dieser früheren wundersamen Geburt darstellt.

Wenn Matthäus „die [junge/unverheiratete] Frau…“ geschrieben hätte, wäre es gut vorstellbar, dass es zu Jesajas Tagen ein Kind gab und dass Matthäus darin eine Art Parallele zur Geburt Jesu als Zeichen Gottes darin erkennt. Doch seine Verwendung des Begriffs Jungfrau bietet zumindest keine Unterstützung für diese Interpretation.

Das Kind: Jesus?

Die Alternative: In Kapitel 8 verdoppelt Jesaja das Kind-als-Zeichen. Es gibt zwei verwandte, aber unterschiedliche Prophetien. Und nicht nur für uns, sondern auch für Jesaja gibt es zwei Kinder.

Die zweite Prophetie dient den Gläubigen (nicht Ahas). Beachte Jesajas Frust oder gar Wut in Kapitel 7. In Jesaja 7,14 richtet er sich nicht nur an Ahas, sondern an das Haus Davids. Es ist gescheitert. Aber wegen des Bundesversprechens an David kann es nicht ersetzt werden. Also ist ein Wunder nötig. Ein besserer David wird geboren werden. Aber der ist noch in unbekannter Ferne.

Daher gibt es im Interesse der Gläubigen eine zweite Prophetie und ein zweites Kind, das kurz darauf geboren wird und das Überleben der Nation in der gegenwärtigen Krise der 730er Jahre garantiert. Diejenigen, die dem prophetischen Wort Aufmerksamkeit schenkten, erhielten ein zweites Zeichen, wenn auch kein wundersames, aber eines, das nah war und Trost und Hoffnung für die nahe Zukunft bot. Aber es ist ein zweites Zeichen und eine zweite Geburt.

Aber wer ist dann das erste Kind? Wenn wir Jesaja 7-12 als zusammenhängende Einheit behandeln und deswegen den Kontext erneut erweitern, sagt Jesaja es uns. Nicht nur Matthäus zeigt auf den Messias. Auch in Jesaja 9,6 wird ein Kind geboren. Wer ist denn dieses Kind? Es liegt auf der Hand: das Kind, das zuerst in Jesaja 7,14 angekündigt wurde.

Zugegeben, in 9,6 heißt der Name des Kindes nicht Immanuel. Oder etwa doch? Ist der vierfache Name des Kindes in Jesaja 9,6 die Ausarbeitung dessen, was „Gottes mit uns“ bedeutet?

Allerdings hat auch diese Alternative ihre Probleme.

Meiner Ansicht nach ist das Problem bei dieser Interpretation nicht die lange Verzögerung von Jahrhunderten, wenn das Kind Jesus ist. Das ist unerwartet, aber nicht undenkbar. Der Text behauptet, dass etwas passieren wird, bevor das Kind ein bestimmtes Alter erreicht. Er gibt nicht an, wie viele Jahre vorher das sein wird. Vielleicht handelt es sich hier um eine absichtliche Mehrdeutigkeit.

Das Problem ist, dass der Junge Butter und Honig essen wird, weil das Land weitgehend entvölkert ist. Der Text scheint eine kausale Beziehung zwischen der assyrischen Invasion und der Ernährung des Jungen herzustellen. Das ist uns von Jesus nicht bekannt, dass er Butter und Honig in Fülle hatte, und das Land war zu seinen Tagen sicherlich nicht mehr verlassen. Dies ist der schwächste Punkt einer Interpretation, die die einzige Erfüllung in Christus sieht. Wir müssten den Satz dann ungefähr so übertragen: Bevor der Messias kommt, wird Ephraim als Nation verschwunden sein. Das ist im Vergleich zum Verzehr von Butter und Honig ziemlich vage.

Eine Randbemerkung: Das Böse ablehnen, das Gute wählen

Erlaube mir eine kleine Abschweifung. Es gibt ein faszinierendes Merkmal der Ankündigung in 7:14-17. Es geht um die Wiederholung, die den Zeitrahmen definiert. Bevor das Kind lernt, „Böses verwerfen und Gutes erwählen“ – diese Redewendung wird zweimal verwendet. Die Wiederholung ist für das Verständnis unnötig. Und warum beschreibt Jesaja sein Alter in diesen Begriffen?

Weil Ahas das Böse gewählt hat. Und der Junge wird sicherlich zu spät kommen, um diese Entscheidung rückgängig zu machen oder ihre Konsequenzen zu verhindern. Bevor er bereit ist zu wählen, und zwar besser zu wählen als Ahas, wird das Gericht durch die Assyrer bereits stattgefunden haben.

Der Junge wird jetzt zu spät kommen. Oder besser gesagt: Das Urteil kommt zuerst. Erst danach wird der Junge da sein, um das Gute zu wählen und das Böse abzulehnen und es besser zu machen als Ahas. „Böses verwerfen und Gutes erwählen“ ist somit nicht willkürlich, sondern funktioniert als implizierter Vorwurf an Ahas.

Unser Dilemma

Zurück zur Schwierigkeit mit der Ansicht, dass 7:14 ausschließlich messianisch ist. Ich bevorzuge diese Sichtweise immer noch, weil ich in Jesaja 9,6 sehe, dass uns ein Kind geboren wird. Ich sehe das als einen entscheidenden Hinweis auf die Identität des Kindes, der von Jesaja selbst gegeben wurde. Und beachte den vorangegangenen Vers 9,5: „jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht und jeder Mantel, durch Blut geschleift“. Wie 7,14-17 scheint auch dies auf einen assyrischen Kontext hinzuweisen. Aber das kann nicht sein.

Daher basiert mein Vorzug nicht in erster Linie auf Matthäus, sondern auf dem weiteren Kontext in Jesaja. Ich kann es aber vollkommen verstehen, falls du die andere Lösung bevorzugst. Denn es ist nicht einfach. In Zusammenfassung:

Schwäche von Fall A: Was macht man mit dem 8. Jahrhundert und den Bezügen zu Butter und Honig, da sie durch die assyrische Invasion verursacht werden, die zu diesem Überfluss führt? Problematisch für diese Sichtweise ist der unmittelbare Kontext.

Schwäche von Fall B: Sind die Kinder von 7:14 und 9:6 nicht identisch? Und warum legt Matthäus so viel theologisches Gewicht auf die „Jungfrau“ der Septuaginta? Problematisch für diese Sichtweise ist der weitere Kontext.

Es ist nicht untypisch: Egal, welche Option man wählt, am Ende gibt es einen Teil, vielleicht sogar mehr, der nicht passt. Es bleibt etwas, das unbefriedigend ist.

Aber es gibt Folgendes: Im Schmelztiegel von Ahas’ Scheitern und der assyrischen Krise hält Jesaja an der göttlichen Verheißung an David fest – Gott wird einen Weg finden, seine Verheißung zu halten – und stößt auf eine Lösung: Gott selbst muss einen Sohn Davids bereitstellen, damit die Fortsetzung der Dynastie überhaupt eine Chance hat.

Noch besser, obwohl Jesaja wahrscheinlich nicht so weit gedacht hat: Gott selbst wird dieser Sohn sein.

Bildnachweis

Alle Bilder von Pixabay, ausgenommen:

‘Janus coin’. 2007 <https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Janus_coin.png> [Accessed 21 August 2026] Public domain

Literaturangaben

Bibelzitate, wenn nicht anders angegeben: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. 1999. Revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe (Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft)

Monatliche Updates als E-Mail?