Diesmal eine Buchempfehlung: Falls du bereit bist, in diesem Jahr mindestens ein „ernsthaftes“ Buch zu lesen, vielleicht sollte es Christopher Wrights The Mission of God: Unlocking the Bible’s Grand Narrative sein [in Deutsch: Die Mission Gottes: Die große Geschichte der Bibel entschlüsseln; bezahlter Link], das im Oktober vergangenen Jahres in einer zweiten, überarbeiteten Auflage erschienen ist.
Diesen Inhalt gibt es in Englisch auch als VIDEO PODCAST

In diesem Buch versucht Wright zu zeigen, dass Gottes Mission – die Erlösung und Wiederherstellung der gesamten Schöpfung durch Christus – das zentrale, einigende Thema der ganzen Bibel ist. In der Schrift ist Mission nicht nur ein Thema unter vielen. Sie bietet einen Rahmen, um die Bibel als Ganzes zu lesen und zu verstehen. Dadurch wird sichtbar, wie Vorstellungen wie Monotheismus, Schöpfung, Bund und Heil alle aus Gottes Absicht hervorgehen, um sich allen Völkern zu offenbaren. Wright argumentiert darüber hinaus, dass diese Perspektive die Bibel erschließt, als die Geschichte von Gottes Volk – ein Volk, das sich im Einklang mit dem göttlichen Ziel für die Welt einsetzt.
Mit anderen Worten: Wright betrachtet die gesamte Bibel als zusammenhängende Geschichte Gottes, der sich aufmacht, die Welt zu retten. Das gelingt dem Buch außerordentlich gut; es ist eine wunderbare Lektüre.
Die Mission Gottes?
Ich habe nur einen größeren Einwand gegen das Buch und der betrifft seinen Titel. Begriffe wie die Mission Gottes und missional [das Adjektiv zum Substantiv Mission] sind in theologischen Kreisen seit einiger Zeit sehr in Mode. Mir gefällt diese Formulierung aber nicht.
Ist Gott auf einer Mission? Das Wort Mission legt nahe, dass jemand gesandt wurde. Die betreffende Person hat einen Auftrag.
Das muss nicht immer so sein. Wir können das Wort auch freier verwenden, etwa für ein großes Lebensziel: „Er sieht das als seine Mission.“ Oder eine Mission kann selbst gewählt sein, sodass es keinen Auftraggeber gibt. Doch die geläufigere Bedeutung schließt ein, dass jemand mit einem Auftrag ausgesandt wurde.
Es wird noch problematischer. Wenn wir erkennen, dass diese übliche Bedeutung hier nicht zutrifft – niemand hat Gott auf eine Mission geschickt –, dann fügt die neumodische Wendung nichts hinzu. Sie bedeutet schlicht Absicht oder Ziel. Gott hat ein Ziel. Überall, wo der Ausdruck die Mission Gottes erscheint, kann er durch Gottes Absicht, Gottes Plan oder Gottes Ziel ersetzt werden. Mission fügt nichts hinzu. Die Formulierung ist überflüssig und sogar etwas irreführend; sie verdeckt mehr, als dass sie Klarheit schafft.
Wright räumt das selbst ein, wenn er schreibt: „Gott hat ein Ziel, eine Absicht, eine Mission … Das ist die Mission des biblischen Gottes“ (Wright 2025: 55). Mit anderen Worten: Diese Begriffe sind synonym. Es besteht kein Bedarf, eine neue Formulierung zu erfinden. Dieses Buch handelt vom großen, übergeordneten Ziel Gottes.
Und gerade deshalb lohnt es sich das Buch zu lesen; lass dich also von meinem Einwand gegen den Titel nicht davon abhalten!

Ein neues Kapitel in der zweiten Auflage
Besonders bemerkenswert ist ein vollständig neues Kapitel, das der zweiten Auflage hinzugefügt wurde: „Erwählung und Supersessionismus“ (Kapitel 8; vereinfacht gesagt ist Supersessionismus die Auffassung, dass die Kirche Israel in Gottes Absicht ersetzt, auch bekannt als Ersatztheologie oder Substitutionstheologie). Wenn du meine monatlichen Beiträge regelmäßig liest, hast du vielleicht bemerkt, dass die Themen Israel und der christliche Zionismus mich besonders interessieren. Entsprechend habe ich Wrights Position zu diesen Themen mit besonderer Aufmerksamkeit gelesen.
In der biblischen Geschichte, wie Wright sie erzählt, nimmt das Volk Gottes einen zentralen Platz ein. Tatsächlich ist ihm der gesamte dritte Teil des Buches gewidmet. Das Buch hat vier Teile, und dieser ist mit Abstand der längste. Das Volk Gottes ist Ziel und Gegenstand von Gottes Liebe und Erlösung. Zugleich ist es ein entscheidender Akteur, durch den Gott seine Absicht verwirklicht. Im Alten Testament ist dieses Volk selbstverständlich Israel.
Und dann – nach Jesus?
Wenn es in der Geschichte der Bibel darum geht, dass Gott die Welt rettet (so die These von The Mission of God), und wenn er dies zunächst durch Israel, vor allem aber durch Christus tut, liegt der Schluss nahe, dass Israel nur ein Werkzeug ist.
Nachdem Christus die Mission erfüllt hat, so könnte man meinen, kann dieses Werkzeug beiseitegelegt und durch eine neue, globale Gemeinschaft – die Kirche – ersetzt werden. Das ist der Kern der Ersatztheologie oder des Supersessionismus.
Wright wurde beschuldigt, diese Ansicht zu vertreten, wie er in Kapitel 8 dokumentiert, und dieser Vorwurf muss ihn getroffen haben. Die Hinzufügung eines ganzen neuen Kapitels spricht dafür. Wright betont nachdrücklich, dass er den Supersessionismus nicht unterstützt: „Ich muss klarstellen, dass ich eine solche Ersatztheologie völlig ablehne“ (ebd.: 258). Wie wir sehen werden, präzisiert Wright diese Ablehnung in wichtigen Punkten.
Gottes Erwählung Israels ist unwiderruflich und in seiner unveränderlichen Liebe gegründet, so Wright. Israel hatte tatsächlich auch eine einzigartige Mission um der Völker willen erhalten. Gott hat Israel aber nicht lediglich wegen seiner Nützlichkeit als Mittel zum Zweck erwählt. Dass Christus die Mission vollendete, heißt daher nicht, dass die Beziehung damit beendet ist.
Ja, aber …
Gleichzeitig wehrt Wright sich gegen die Ansichten seiner Kritiker. Er weist hin auf die Spannung zwischen Israel und der Kirche – eine Spannung, die der Schrift selbst innewohnt. Paulus nennt Gläubige in Christus „ein Volk zum Eigentum“ (Tit. 2,14; ebenso Petrus in 1. Pet. 2,9). Paulus und Petrus greifen damit die Worte auf, die Israel am Sinai zugesprochen wurden (2. Mo. 19,5f), wenden sie nun jedoch auf überwiegend nichtjüdische Glaubende an.
Nach Galater 4,21-31 sind diese Glaubenden die Kinder der freien Frau; sie ist das himmlische Jerusalem. Paulus stellt sie der Sklavin gegenüber, dem jetzigen Jerusalem.
Doch zugleich steht in Römer 11,28f: „Im Blick auf das Evangelium sind sie [die Israeliten seiner Zeit] zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“
Wright verweigert die Bequemlichkeit einer einfachen Antwort. Schließlich markiert das Kommen Jesu einen radikalen Übergang von der Verheißung zur Erfüllung. Die biblische Geschichte schreitet voran. Manches, wenn auch nicht Israels Erwählung, wird obsolet.
Es ist also nicht supersessionistisch …, sich mit dem Verfasser des Hebräerbriefs über all das zu freuen, was Gläubige an Jesus (insbesondere jüdische) in Christus haben, das „neu“ und „besser“ ist, ohne die kostbaren Realitäten, die vorhergingen, herabzusetzen oder die biblischen Aussagen über Israels Erwählung zu leugnen. Es ist nicht supersessionistisch, auf die paulinische Lehre an die Galater hinzuweisen, dass das Kommen Christi die Uhr vorwärts bewegt hat, von Israels Leben unter dem paidagōgos [dem Vormundssklaven, der für einen Minderjährigen verantwortlich war; siehe Gal 3,24ff] der Tora hinein in die Ära des vom Geist und vom Messias bestimmten heilbringenden Glaubens, in dessen Licht es in der in Christus verkörperten Familie Abrahams weder Jude noch Grieche gibt, ohne zu leugnen, dass Juden Juden bleiben und Heiden Heiden bleiben. Und … es ist nicht supersessionistisch, Paulus darin zuzustimmen, dass die Verheißungen Gottes an Abraham – die historische Grundlage von Israels Erwählung – ihre herrliche und beabsichtigte Erfüllung in der Sammlung der Heiden in das Volk Gottes durch den Glauben an den Messias Jesus erreichen.
Wrights Schreiben ist dicht, doch sein Kern ist einfach: Es genügt nicht zu behaupten: „Israel ist Gottes Volk“, und „Supersessionismus!“ zu rufen, wann immer jemand antwortet: „Ja, aber …“ Vieles hat sich verändert, auch wenn die Erfüllung in Christus Israels Erwählung nicht aufhebt. Wright führt fort:
Das heißt: Solche Untersuchungen neutestamentlicher Erfüllungstexte sind nicht supersessionistisch … es sei denn, man behauptet zusätzlich, dass die Erfüllung der Verheißungen Gottes an Israel Israels Erwählung zunichtegemacht oder beendet habe – und eine solche Behauptung stelle ich nicht auf, da sie der nachdrücklichen Aussage des Paulus in Römer 11,28–29 widerspricht.
Man spürt in diesen Worten eine gewisse Empörung über unbegründete Vorwürfe. Direkt anschließend wendet sich Wright der Frage nach Israel und Palästina heute zu:
Auch wenn es in der Gegenwart kontroverser ist, würde ich hinzufügen, dass es nicht supersessionistisch ist (und auch nicht antisemitisch, wie so oft behauptet wird), ernsthafte Fragen zu stellen und Kritik an den politischen Maßnahmen und Handlungen des modernen Staates Israel nach 1948 zu üben oder theologischen und hermeneutischen Widerspruch gegen die Annahmen und Konsequenzen des christlichen Zionismus zu äußern. Beides kann man meiner Meinung nach auf starker und nüchterner biblischer Grundlage tun, ohne das Existenzrecht Israels infrage zu stellen oder die unwiderrufliche Erwählung des jüdischen Volkes zu leugnen. Durchdringende Kritik kann zusammen gehen mit – ja, sie kann ein Ausdruck sein von – tiefgreifender und leidvoller Liebe zu Israel und zum jüdischen Volk, wie es die Bibel selbst durch alle Propheten hindurch, beginnend mit Mose, und in den Herzen und Tränen Jesu sowie des Apostels Paulus zeigt. (Ebd.: 265f.; Hervorhebung wie im Original)
Auch hier ist Wright nicht bereit, sich mit einfachen Antworten zufriedenzugeben.
Israel und die Gemeinde
Wie sieht Wright also Israel und die Gemeinde? Nach Wright sind gläubige Heiden der bestehenden Glaubensgemeinschaft des AT hinzugefügt worden. Der Ölbaum wurde durch das Einpfropfen der Heiden durch den Glauben an Israels Messias vergrößert. Dadurch entsteht ein einziger Ölbaum. Israel wird dabei nicht durch die Gemeinde ersetzt (Röm. 11,17-24). Es geht um Erweiterung, nicht Austausch oder Substitution:
Es gibt nur einen Ölbaum. Gott hat nur eine Familie – die Familie Abrahams. Doch diese eine Familie ist nun durch die Einbeziehung „wilder Zweige“ erweitert worden – Heiden, die zum Glauben an Israels Messias, Jesus, kamen. Abraham ist der „Vater vieler Völker“, wie Gott verheißen hat (Röm. 4,16-18). Doch diese „vielen Völker“ sind nun „Kinder Gottes“ und „Abrahams Same“ (Gal. 3,26-29), durch Christus in Israel eingepfropft. (Ebd.: 272)
Wir können weiterhin Israel im ethnischen Sinn von der Gemeinde unterscheiden. Gleichzeitig gilt: Israel als die Gemeinschaft von Gottes Volk wurde erweitert. Auch andere Völker haben nun Anteil am Segen Abrahams; sie gehören dazu. Dies ist, so Paulus in Galater 3,8, das Evangelium gemäß Genesis 12,1-3.
Also …
Soweit ein kleiner Eindruck von einem großartigen Buch. Ich halte den Ausdruck die Mission Gottes weiterhin für eine unglückliche Wortwahl. Was alles andere in diesem Buch angeht – das liest du besser selbst😊!

Anhang: Michael Bird meldet sich zu Wort
Als „Extra“ füge ich ein Zitat aus einer anderen Quelle an. Es ringt mit derselben Spannung in der Schrift. Der Text ist alles andere als einfach, aber es lohnt sich, darüber nachzudenken. Das Buch, Paul within Judaism: Perspectives on Paul and Jewish Identity, setzt sich recht kritisch mit Supersessionismus auseinander, und doch schreibt Bird:
Jüdischsein und Heidensein bleiben in mancher Hinsicht bestehen, werden aber in anderer Hinsicht entkräftet durch eine neue gemeinsame Identität, die pneumatisch [Geist-gegeben] und partizipatorisch ist. Es gibt auch eine gewisse unvermeidliche Form von Supersessionismus zwischen Judentum und Christentum – so wie zwischen Judentum/Christentum und Islam, zwischen Christentum und Mormonentum oder zwischen pharisäischem und rabbinischem Judentum. Wenn das Heil in Christus und allein in Christus liegt (irgendwo, irgendwie, für irgendjemanden), dann werden alternative Heilswege (irgendwo, irgendwie, für irgendjemanden) obsolet. Das Christentum besitzt eine unausweichliche supersessionistische Qualität. Wie Joel Kaminsky und Mark Reasoner nüchtern feststellen: „Jede christliche Lektüre der hebräischen Bibel wird wahrscheinlich irgendeine Form von Supersessionismus beinhalten; damit meinen wir, dass die Urchristen zu der Überzeugung gelangten, dass ihre Deutung der Schriften Israels frühere und zeitgenössische Deutungen dieser heiligen Texte durch andere jüdische Leser übertraf und dass Gottes Handeln durch Jesu Tod und Auferstehung den Beginn des Eschatons [der Endzeit] eingeläutet und damit einen Weg eröffnet habe, auf dem Heiden an Gottes Verheißungen an Israel teilhaben können.“ … Nun ist unter religiösen Praktizierenden die Frage, was man mit der supersessionistischen Grundstruktur des christlichen Glaubens macht, eine ernste Angelegenheit für theologische Ethik und interreligiösen Dialog; doch irgendeine Form von Supersessionismus – selbst wenn sie weit von einer Ersatztheologie entfernt ist – ist dem paulinischen Denken inhärent. (Bird 2023: 20f)
Bildnachweis
Alle Bilder: Unsplash and Pixabay (CC0)
Literaturangaben
Bibelzitate, wenn nicht anders angegeben: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. 1999. Revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe (Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft)
Bird, Michael. 2023. ‘An Introduction to the Paul within Judaism Debate’, in Paul within Judaism: Perspectives on Paul and Jewish Identity, Wissenschaftliche Untersuchungen Zum Neuen Testament, 507 (Mohr Siebeck)
Bird, Michael F., and others (eds). 2023. Paul within Judaism: Perspectives on Paul and Jewish Identity, Wissenschaftliche Untersuchungen Zum Neuen Testament, 507 (Mohr Siebeck)
Wright, Christopher J. H. 2025. The Mission of God: Unlocking the Bible’s Grand Narrative, Second edition (IVP Academic; bezahlter Link)
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