Letzten Monat habe ich mich mit der Thematik der Abschiedsrede Jesu in Johannes 13-17 auseinandergesetzt. In diesem Monat konzentriere ich mich auf das, was auf den ersten Blick nur ein Detail in dieser Rede zu sein scheint, auch wenn es ein Detail ist, das unsere Vorstellungskraft mehr anregt als viele andere Bibelverse. Ich beziehe mich auf Johannes 14,2: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.“
Diesen Brief gibt es in Englisch auch als VIDEO PODCAST
Der erste Begriff hier ist Haus, Griechisch oikos. Beachten wir, dass es nur ein Haus gibt. Der zweite verwendete Begriff, der hier mit Wohnungen übersetzt wird, ist mone. Er bedeutet einen Aufenthaltsort, eine Wohnung oder auch nur ein Zimmer (wie in der English Standard Version, ESV).

Wohnungen? Also, woher nehmen wir dann die Idee von Villen im Himmel!?
Die Antwort lautet: aus der King James Bibel, wo es heißt: „In my Father’s house are many mansions“– ein Begriff für ein großes und imposantes Haus. Allerdings deutet schon die Ortsangabe – „im Haus meines Vaters“ – darauf hin, dass es sich nicht um Villen im üblichen Sinne handeln kann.
Wann: Bei der Wiederkunft oder bald?
Es gibt noch ein weiteres, ernsteres Problem mit der Erwartung einer großen Villa oder eines Anwesens im Himmel. Tröstet Jesus seine Jünger wirklich mit der Verheißung himmlischer Immobilien?
Er fährt fort: „Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin“ (Joh. 14,3). Das klingt nicht nach dem, was passiert, wenn wir sterben und in den Himmel kommen. Es könnte sich natürlich auf die Wiederkunft beziehen. Aber kehrt Jesus nur für einen kurzen Besuch zurück, um die Seinen dann für immer in den Himmel zu bringen – oder kommt er, um zu bleiben, auf einer neuen Erde?
Und so oder so, die Wiederkunft ist für die Jünger noch in weiter Ferne. Sie brauchen Anweisungen für die kommenden Tage, Monate und Jahre. Sollte Jesus nicht etwas Direkteres zu sagen haben? Die Wiederholung des Hingehens und des Kommens (Joh. 14,3, 18, 23, 28) deutet eher auf etwas Baldiges als auf etwas Endgültiges hin.
Und: „Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch“ (Joh. 4,18) ist nur begrenzter Trost, wenn sie (und wir) zuvor ihr ganzes irdisches Leben als genau das verbringen sollen: als Waisen.
Wo: Im Himmel oder im Geist?
Am besten folgen wir die Entwicklung von Ort und Wohnen als Thema im Text und finden heraus, was Jesus stattdessen im Sinn gehabt haben könnte. Es fällt auf, dass Jesus mit einem seltsamen Konzept von Ort (und wie man dorthin kommt) arbeitet: Ich bin im Vater und ich bin der Weg (Johannes 14,6, 10).
Die folgende Bibelstelle ist entscheidend für das Verständnis von Zeit und Ort, wie Jesus diese Begriffe in seiner Rede verwendet:
Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Es ist noch eine kleine Zeit [!], dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen [bei der Wiederkunft werden alle ihn sehen], denn ich lebe und ihr sollt auch leben. An jenem Tage werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch … Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. (Joh. 14,18-20, 23; Hervorhebung hinzugefügt)
Wohnung übersetzt hier genau das gleiche griechische Wort mone, das in Johannes 14,2 verwendet wird. Das griechische Wort wird im NT nur in diesen beiden Versen benutzt, sonst nirgends!
Jesus und der Vater werden bald kommen und bei dem einzelnen Jünger wohnen. Es ist der Heilige Geist, der dies bewirken wird (Joh. 14,26).
Und wie Jesus in ihnen sein wird, so werden auch sie in ihm sein (Joh. 14,20 und besonders Joh. 15,4ff: „Bleibt in mir und ich in euch“). Das ist noch nicht alles.

Die Bleibe und bleiben: Wir in ihm und er in uns
Die Analogie mit dem Weinstock in Johannes 15 ist keineswegs ein Themenwechsel. Der Text bleibt beim Thema Ort. Das geht in der Übersetzung aber leider verloren:
Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. (Joh. 15,4f)
Das griechische Wort für bleiben (meno) ist die Verbform des Substantivs Wohnung (mone). Auf Deutsch bietet sich das Wortpaar bleiben und die Bleibe an. Jesus verspricht nicht eine zukünftige Bleibe oder Wohnung, sondern redet von einem gegenseitigen Verbleiben. So wie wir in ihm bleiben, bleibt er in uns – schon jetzt, nicht nur irgendwann.
Es gibt Leben im Überfluss (vgl. Joh. 10,10) für diejenigen, die in Jesus ihre Bleibe haben (oder bleiben) und in denen der Vater und der Sohn durch den Heiligen Geist ihre Bleibe haben (oder bleiben).
Eine kleine Weile
In Johannes 16,16-24 kehrt Jesus zu der Idee von „einer kleinen Weile [oder, in Joh. 14:20, Zeit]“ zurück. Die Zeit ist buchstäblich klein: Jesus hat ihre Trauer über seinen Tod und die Freude, die mit seiner Auferstehung kommen wird, im Blick.
In diesem Kontext steht die Verheißung des erhörten Gebets: „Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er‘s euch geben … Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei“ (Joh. 16,23f). Die Verheißung kann sich nicht auf die Zeit nach der Wiederkunft beziehen; dann hätte sie keine Bedeutung. Für die Zeit davor aber bedeutet sie sehr viel.
Bilder
Die Wohnung im Haus des Vaters ist also ein Bild. Jesus macht klar, dass er metaphorisch redet: „Das habe ich euch in Bildern gesagt“ (Joh. 16,25). Bei Ort und Raum geht es in Johannes 13-17 nicht um geographische Ortsbestimmungen, sondern um Beziehung.
Deshalb betet Jesus für sie,
damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein … ich in ihnen und du in mir … Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast. (Joh. 17,21, 23f)
Wir in ihnen und sie in uns – jetzt. Jesus verspricht im Johannesevangelium keine Luxusunterkünfte im Jenseits. Er bietet etwas viel Besseres an: die innewohnende Gegenwart Gottes – Vater, Sohn und Geist. Keine ferne Hoffnung, sondern gegenwärtige Realität. Der Himmel beginnt dort, wo wir in ihm unser Zuhause finden.
Das ist ein wunderbarer Ort.
Bei Ort und Raum geht es in Johannes 13-17 nicht um geographische Ortsbestimmungen, sondern um Beziehung.
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Literaturangaben
Bibelzitate, wenn nicht anders angegeben: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. 1999. Revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe (Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft)
