Die Abschiedsrede Jesu

Ich habe das Johannesevangelium immer schwierig gefunden. Sprache und Grammatik sind zwar einfach, aber der Gedankengang – wenn es einen gibt – ist schwer zu finden oder zu verfolgen. Das gilt auch für die Reden und Gespräche Jesu, die einen großen Teil des Johannesevangeliums ausmachen, insbesondere für seine letzte Ansprache kurz vor seiner Verhaftung, im Wesentlichen seine Abschiedsrede (Joh. 13-16 plus ein Schlussgebet in Joh. 17). Was ist das zentrale Anliegen dieser Rede? Oder gibt es viele Anliegen? Oder keins?

Diesen Brief gibt es in Englisch auch als VIDEO PODCAST

ChatGPT um Hilfe bitten

Ich beschloss, ChatGPT zu fragen. Ein Grund: Wenn wir dieses Instrument nutzen wollen – und ich gehe davon aus, dass wir das mit der Zeit fast alle tun werden –, müssen wir lernen, unskritisch mit ChatGPT auseinanderzusetzen. Außerdem wollte ich prüfen, ob ChatGPT meine Schlussfolgerung bestätigen oder mich vielleicht in eine bessere Richtung weisen würde.

Ich kopierte und fügte den gesamten Text von Johannes 13-17 ein, so dass die Antwort hoffentlich auf dem Text und nicht auf den Meinungen anderer Leute basieren würde. Ich stellte meine Frage: Also, ChatGPT, was sind die Hauptthemen und Kernpunkte von Johannes 13-17? Antwort:

Danke, dass du den vollständigen Text von Johannes 13:31-17:26 mit uns geteilt hast. Hier eine Analyse der Hauptthemen und Kernpunkte: …

Den Rest der Antwort erspare ich euch, denn ChatGPT hat mit zehn Themen und sieben Schlüsselpunkten aufgewartet, die jeweils mit einer kurzen Erklärung versehen waren. Das sind zu viele Einzelheiten, um damit vernünftig arbeiten zu können. Nicht hilfreich.

Was hält Johannes 13-17 zusammen?

Also habe ich ChatGPT herausgefordert: Ist diese verwirrende Vielfalt an Themen alles, was es zu sagen gibt: gemischte Gedanken über vieles? Oder steckt ein zentrales Anliegen dahinter? Natürlich stimmte ChatGPT mir zu (hast du jemals erlebt, dass ChatGPT dir nicht zustimmte?). Aber als Teil der Antwort lieferte er auch eine wertvolle Einsicht:

Auf den ersten Blick deckt Jesu Rede in Johannes 13-17 eine Reihe von Themen ab – Liebe, den Heiligen Geist, Freude, Einheit, Verfolgung, Wahrheit, Herrlichkeit und mehr. Aber das sind keine zufälligen oder unzusammenhängenden Themen. Es gibt eine zugrundeliegende Einheit, die alles zusammenhält.

Der verbindende Faden: Jesus bereitet seine Jünger auf seinen Abschied vor

Im Mittelpunkt von Johannes 13-17 steht ein einziger verbindender Zweck:

Jesus bereitet seine Jünger auf das Leben nach seinem Weggang vor – auf seine Kreuzigung, seine Auferstehung und seine Rückkehr zum Vater. [Fettgedruckte Text hier und nachfolgend im Original von ChatGPT]

Das trifft, glaube ich, den Nagel auf den Kopf. Die Antwort geht weiter:

Alles, was Er in diesen Kapiteln lehrt, ist auf diese Wirklichkeit ausgerichtet:

  • Wie werden sie zu Ihm in Beziehung stehen, wenn Er gegangen ist [mein Kommentar: Hier und in den folgenden Zeilen ist können oder sollen angemessener als werden]?
  • Wie werden sie miteinander in Beziehung stehen?
  • Wie werden sie sich zur Welt verhalten?
  • Wie werden sie Seine Mission weiterführen?

Wie stehen wir in Beziehung zu Jesus (und zum Vater), zueinander und zur Welt, während wir in seiner Abwesenheit weiterhin seine Mission erfüllen – das scheint eine angemessene Zusammenfassung dieser letzten Botschaft Jesu zu sein.

Jesus fährt fort. Er gehe weg, aber das sei zu ihrem Nutzen. Nur so könne der Heilige Geist kommen. Sie können und sollen weiterhin tief mit ihm verbunden sein, wie die Reben des Weinstocks (Joh. 15,1-8). „Liebt einander“ (Joh. 13,34f; 15,12-17) sei gleichzeitig Programm und Strategie. Die Welt werde sie hassen, aber Jesus habe die Welt überwunden (Joh. 15,18-16,4).

Ich habe nur einen Punkt gefunden, dem ich in diesem Teil der Antwort nicht zustimmen konnte; ChatGPT ergänzt: „Da Jesus geht, wird ihre Einheit und Liebe zueinander das sein, was sie trägt.“ Das sehe ich nicht; es entspricht nicht dem, was Jesus sagt. Was sie stützen wird, ist, in Christus zu bleiben. Einheit und Liebe haben ihren Platz. Sie werden das Zeugnis als sichtbarer Beleg unterstützen (Joh. 13,35). Sie sind für die Mission unerlässlich. Aber es gibt keine Anzeichen dafür, dass Einheit und Liebe die Jünger tragen werden.

Fahrplan für die Zeit danach

Alles in allem finde ich die Antwort aber ziemlich gut. Ich werde nächsten Monat auf die Rede zurückkommen (die Wohnungen im Himmel, auf die ihr auf Grund von Johannes 14,2 vielleicht hofft,– da bin ich mir nicht so sicher). Aber jetzt überlasse ich das letzte Wort ChatGPT:

Das Gesamtbild: Eine Veränderung in der Beziehung der Jünger zu Jesus

Vor diesem Moment folgten die Jünger Jesus physisch – sie gingen mit ihm, aßen mit ihm, lernten von ihm von Angesicht zu Angesicht.

Aber jetzt ist diese Beziehung dabei, sich zu ändern.

Sie werden durch den Geist, durch das Verweilen in seinen Worten [und in ihm; dieser Teil fehlt hier] und durch die Mission in der Welt zu Ihm in Beziehung stehen.

[Kommentar: Dem letzten Teil des Satzes stimme ich nicht zu; sie werden nicht durch Mission in Beziehung zu Jesus stehen, sondern andersrum: Ihre Mission ergibt sich daraus, dass sie in ihm bleiben und so vom Heiligen Geist befähigt werden – Mission ist eine Wirkung, nicht die Ursache; nicht die Mission erhält die Beziehung, sondern die Beziehung die Mission].

Fazit: Die Einheit in Johannes 13-17

Alles, was Jesus in diesen Kapiteln sagt, ist Teil seiner Abschiedsbotschaft – eine letzte Vorbereitung, um sicherzustellen, dass seine Jünger wissen, wie sie leben, lieben und dienen können, nachdem er gegangen ist.

Es ist keine willkürliche Sammlung von Lehren. Es ist ein zutiefst zusammenhängender Fahrplan für die Zukunft der Jünger – und damit auch für uns heute.

Bildnachweis

Pixabay.com

Literaturangaben

Bibelzitate, wenn nicht anders angegeben: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. 1999. Revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe (Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft)

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