Gerechtigkeit: Was ist das?

Was ist Gerechtigkeit? Eine spielerische Antwort könnte sein: Es ist nur ein Wort. Aber natürlich ist es mehr als das. Was bedeutet Gerechtigkeit? Und noch wichtiger: Wie unterscheidet sich das Verständnis der Bibel von den Vorstellungen unserer Zeit?

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Diese Fragen sind wichtig. Sie prägen, wie wir Gott, uns selbst und die Welt um uns herum verstehen.

Mein Interesse wurde durch ein kürzlich erschienenes Buch von Jože Krašovec, Professor für Bibelwissenschaften an der Universität Ljubljana in Slowenien, geweckt: God’s Righteousness and Justice in the Old Testament (übersetzt: Gottes Gerechtigkeit und Recht im Alten Testament). Das Thema ist großartig, aber das Buch selbst ist enttäuschend unklar und es fehlt an Zusammenhang. Schließlich gab ich das Lesen auf.

Das ist bedauerlich, denn der Autor hätte wertvolle Einsichten zu vermitteln; das gelingt ihm aber leider nicht. Ich habe aus meinem gescheiterten Versuch, dieses Buch zu lesen und zu verstehen, trotzdem etwas Wertvolles mitgenommen, das ich hier weitergeben möchte.

Zunächst noch eine kurze Anmerkung zur Terminologie. Zwei hebräische Wortgruppen sind für das Thema besonders wichtig:

  1. Begriffe, die mit Zedeq zusammenhängen, allgemein übersetzt Gerechtigkeit
  2. Begriffe im Zusammenhang mit Mispat, allgemein übersetzt als Gerechtigkeit, Recht, oder Urteil.

Die beiden Gruppen zeigen erhebliche Überschneidungen in der Bedeutung, ähnlich wie righteousness und justice im Englischen. Ich werde hier Recht und Gerechtigkeit einfachheitshalber als austauschbar verwenden.

Gerechtigkeit heute

Beginnen wir mit dem, was viele von uns instinktiv als Gerechtigkeit betrachten. Unser modernes Konzept, das stark vom römischen Recht geprägt ist, beruht auf Regeln, die – zumindest prinzipiell – definieren, was richtig und falsch ist. Das gleiche Gesetz gilt für alle. Seine Anwendung sollte unparteiisch sein.

Moderne Gerechtigkeit zielt auf Vergeltung. Wenn jemand das Gesetz bricht, ist eine Strafe angebracht. Der Täter muss für das Verbrechen „bezahlen“. Schutz der Gesellschaft und eventuell die Reintegration des Verbrechers können ebenfalls eine Rolle spielen.

Diese Denkweise zeigt sich in Statuen der römischen Göttin Iustitia. Sie hält typischerweise eine Waage (zum Gewichten der Beweise) und ein Schwert (zur Durchsetzung der Strafe); außerdem trägt sie eine Augenbinde (was Unparteilichkeit symbolisiert). Ihr Hauptziel ist Vergeltung.

Gerechtigkeit außerhalb Israels

In der antiken Welt um Israel herum bedeutete Gerechtigkeit jedoch etwas anderes.

Viele Kulturen damals basierten Gerechtigkeit nicht auf menschengemachten Gesetzen, sondern auf die Idee einer Weltordnung: Es gab ein kosmisches Gleichgewicht, das man aufrechterhalten sollte. Dieses universelle, unpersönliche Gleichgewicht war in die Schöpfung eingewoben. Gerechtigkeit bedeutete, die Harmonie der Welt zu bewahren. Im Falle von Fehlverhalten war das Ziel, das Gleichgewicht wiederherzustellen, nicht nach einem Gesetzeskodex zu bestrafen.

Die römische Justiz, obwohl ebenfalls Teil der Antike, bewegte sich bereits in Richtung eines Rechtsansatzes, der auf menschengemachten Gesetzen basierte. Ihr Schwerpunkt lag auf sozialer statt kosmischer Harmonie. Ziel war es daher, das soziale Gleichgewicht, Harmonie in der Gesellschaft, wiederherzustellen.

Biblische (hebräische) Gerechtigkeit

Das Verständnis Israels unterscheidet sich von beiden Ansätzen, modern wie alt. Was macht dieses Verständnis einzigartig?

1. Die Grundlage ist persönlich, nicht unpersönlich.

Die Bibel gründet Gerechtigkeit nicht in kosmischer Ordnung, sondern in Gottes Charakter. Gerechtigkeit basiert darauf, wer Gott ist und wie er mit der Welt umgeht.

2. Gerechtigkeit ist beziehungsorientiert.

Daher geht es bei biblischer Gerechtigkeit um richtige Beziehungen – zwischen Menschen und zwischen Menschen und Gott. Gottes Gerechtigkeit ist praktisch: Er schützt, rettet, stellt die Dinge wieder her und macht alles recht. Er wäre nicht gerecht, wenn er die Unterdrückten ignorieren würde. Waisen und Witwen zum Beispiel können sich auf ihn verlassen.

Gott als gerecht zu bezeichnen, heißt nicht, dass er das kosmische Gleichgewicht aufrechterhält. Es heißt, er handelt treu und gerecht gegenüber seinem Volk und seiner Schöpfung.

3. Aussagen zur Gerechtigkeit neigen eher zur Erlösung als zur Bestrafung als Ziel.

In der Schrift erscheint Gerechtigkeit oft zusammen mit Begriffen wie Erlösung, Treue, Barmherzigkeit, Liebe und Güte (siehe Jes. 40-56; Ps. 85,10; 96,13; 98,2-3; 103,17; ebenso Paulus in Römer 1,16-17). Weil Gott gerecht ist, wird er auch Retter sein.

Daher gibt es keinen Platz für ein unpersönliches kosmisches Gleichgewicht. Wenn Gerechtigkeit persönlich und beziehungsbezogen ist, ergibt sich daraus moralische Verantwortung: Unrecht darf nicht einfach ignoriert werden.

4. Ziel der Gerechtigkeit ist also wiederhergestellte Beziehung.

Gerechtigkeit zu üben bedeutet nicht nur und nicht in erster Linie Gesetze korrekt und konsequent anzuwenden. Wichtiger ist, wenn möglich, das Zerbrochene zu heilen.

Grund zum Rühmen hat nur, / wer mich erkennt und begreift, was ich will; / wer einsieht, dass ich Jahwe bin, / der auf der Erde Gnade, Recht und Gerechtigkeit schafft! / Denn das gefällt mir“, spricht Jahwe.  (Jer. 9,23, NeÜ)

Die frohe Botschaft von Gottes Gerechtigkeit

Dieses Verständnis hat tiefgreifende Konsequenzen.

Es bedeutet, dass Strafe nicht den zentralen Platz einnimmt, den sie in weiten Teilen des westlichen Denkens über Recht und Gerechtigkeit einnimmt. Die Bibel erkennt zwar Schuld und Strafe an, aber es geht ihr um Beziehungen, nicht oder nicht in erster Linie um im Voraus formulierte Rechtsnormen. Im Gegensatz zu Iustitias unpersönlichen Urteilen schafft Gott Raum für Vergebung, Buße, Wiedergutmachung und Versöhnung. Auch sie sind Gerechtigkeit. Sein Ziel ist es nicht nur, Fehlverhalten zu bestrafen, sondern das Beschädigte – vor allem Beziehung – wiederherzustellen.

Das soll nicht heißen, dass es in der Schrift keine Vergeltungsstrafe gibt. Aber Bestrafung ist nicht ein Ziel an sich. Es ist der letzte Ausweg, wenn andere Versuche, Gerechtigkeit wiederherzustellen, gescheitert sind.

Das israelitische Gerechtigkeitsverständnis ist weiter gefasst. Weil Gott gerecht ist, muss er auch treu, barmherzig und aktiv sein. Er kann bei Ungerechtigkeit nicht passiv bleiben. Gerecht zu sein heißt auch zur Hilfe kommen.

Gottes Gerechtigkeit ist somit nicht ein unbeugsames Gesetz, sondern die frohe Botschaft von Gottes aktivem Eingreifen.

Deshalb betrachten biblische Autoren das kommende Gottesgericht als Grund zur Freude:

Jauchzet dem HERRN, alle Welt,

singet, rühmet und lobet!

(…)

Das Meer brause und was darinnen ist,

der Erdkreis und die darauf wohnen.

Die Ströme sollen in die Hände klatschen,

und alle Berge seien fröhlich

vor dem HERRN;

denn er kommt, das Erdreich zu richten.

Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit

und die Völker, wie es recht ist.  (Psalm 98, 4, 7-9)

Das Gericht ist eine gute Nachricht, wenn der Richter in diesem Sinne gerecht ist: Er handelt, um zu heilen und zu retten, und alles wieder gut zu machen.

Bildnachweis

Alle Bilder stammen von Unsplash und Pixabay (CC0).

Literaturangaben

Bibelzitate, wenn nicht anders angegeben: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. 1999. Revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe (Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft)

NeÜ: Vanheiden, Karl-Heinz (tran.). 2019. Neue evangelistische Übersetzung (Gefell, Germany)

Krašovec, Jože. 2022. God’s Righteousness and Justice in the Old Testament (Grand Rapids, MI: Wm. B. Eerdmans)

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