Jesaja ist wahrscheinlich das Buch der Bibel, das ich am häufigsten gelehrt habe. Trotzdem habe ich darüber nur wenig geschrieben – abgesehen von einigen Beiträgen zum historischen Hintergrund, etwa zu Assyrien, Sanherib, Babylon.
Ich erinnere mich noch gut an meine Anfänge: Schon im ersten Jahr als Mitarbeiter an der Schule für Bibelstudium (SBS) – kurz nachdem ich die Schule selbst abgeschlossen hatte – unterrichtete ich über Jesaja. Das war 1990. Inzwischen sind 35 Jahre Jesaja-Unterricht vergangen. Höchste Zeit also, das, was ich gelernt habe, auch schriftlich weiterzugeben.
Diesen Text gibt es in Englisch auch als VIDEO PODCAST: Teil I (Teil II)
Die Grundlage
Das erste Mal, dass ich Jesaja lehrte, war eine Herausforderung. Ich selbst kämpfte mit vielen Fragen. Da ich zu dieser Zeit an einem Masterstudium an der Universität der Nationen von Jugend mit einer Mission arbeitete, wählte ich das Buch Jesaja als Thema für meine Abschlussarbeit – in der Hoffnung, ein tieferes Verständnis zu gewinnen.
Mein Betreuer, Ron Smith, bestand darauf, dass ich das Buch 50 Mal durchlas, was ich auch tat.
Als eine Studentin davon hörte, bevor wir uns persönlich trafen, meinte sie: „Ich dachte, du wärst ein alter Mann!“ – so viel hatte sie sich unter fünfzig Lesungen vorgestellt. Das ist Jahrzehnte her; ich war noch jung. Es ist keine Herkulesaufgabe. Einmal das ganze Buch Jesaja in normalem Lesetempo durchzulesen dauert etwa vier Stunden. Während meiner Masterarbeit tat ich das zweimal pro Woche, ein halbes Jahr lang – gut machbar.
Diese Investition zahlt sich bis heute aus. Die vielen Lesungen und weitere Studien wurden zur Grundlage für meinen Unterricht, vor allem in der SBS.
Mein Ziel
In diesem Text möchte ich einen Überblick über die Struktur des Buches geben – also zeigen, wie das Buch Jesaja aufgebaut ist und wie die einzelnen Teile zusammenhängen.
Das ist keine leichte Lektüre, nicht wie ein Roman, den man entspannt zur Hand nimmt. Ich sehe diesen Text eher als Landkarte, die helfen soll, sich zurechtzufinden und die Orientierung nicht zu verlieren. Der Text ist auch umfangreich. Zwar habe ich überlegt, ihn in zwei oder drei Teile zu zerlegen, aber ich finde, er gehört als Ganzes zusammen.
Deshalb habe ich Verständnis, wenn du vielleicht nicht alles auf einmal liest. Vielleicht legst du diesen Text beiseite, bis du selbst Jesaja liest oder unterrichtest – dann kann er besonders nützlich sein. Und wenn du Freude an „fester Nahrung“ hast: herzlich willkommen!
Das große Bild
Eines ist den meisten Lesern klar. Das Buch besteht aus zwei Hauptteilen: Kapitel 1-39 und Kapitel 40-66.
Der erste Teil (Jes. 1-39) ist fest im 8. Jahrhundert v. Chr. verwurzelt, also in der Zeit, in der Jesaja lebte. Zwar gibt es Ausnahmen, zum Beispiel Jesaja 13, das sich mit Babylon befasst, doch im Hintergrund steht fast immer die wachsende Bedrohung durch Assyrien, die damalige Weltmacht. Zu Jesajas Lebzeiten zerstörte Assyrien das Nordreich Israel (722 v. Chr.) und fiel auch in Juda ein (701 v. Chr.). Der Schwerpunkt dieses Teils liegt auf Gericht, auch wenn das Thema der Erlösung bereits mitschwingt.
Im zweiten Teil (Jes. 40-66) kehrt sich dieses Verhältnis um: Das Heil, also Rettung und Hoffnung, dominiert. Assyrien wird hier nicht mehr erwähnt, mit einer einzigen Ausnahme (Jes. 52,4), wo die Assyrer allerdings als Vergangenheit dargestellt werden. Stattdessen tritt das babylonische Reich in den Vordergrund, zumindest bis Kapitel 48. Danach verschwindet auch Babylon aus dem Blick. Die Worte in diesem Teil richten sich offenbar an die Israeliten im babylonischen Exil – nicht an das Volk Juda zu Jesajas eigener Zeit.
Jesaja 1, 2, 3, viele…
Diese entscheidende Beobachtung hat zu der Hypothese geführt, dass die zweite Hälfte des Buches nicht von Jesaja selbst stammt, sondern von einem späteren, unbekannten Propheten, im babylonischen Exil. Die Forschung nennt ihn Deuterojesaja (griechisch: zweiter Jesaja).
Später fiel auf, dass ab Kapitel 56 die Situation nicht Babylon, sondern Juda entspricht. Dies führte zu der Idee, dass dieser Teil des Buches erst nach dem Exil geschrieben wurde. Deshalb sprach man zusätzlich von Tritojesaja (griechisch: dritter Jesaja).
Heute ist diese Vorstellung weniger verbreitet. Üblicher ist die Annahme, dass das Buch über mehrere Jahrhunderte hinweg gewachsen ist und viele Bearbeitungen erfahren hat. Trotzdem verwendet man die Begriffe Erster, Zweiter und Dritter Jesaja noch immer – nicht unbedingt als Hinweis auf drei Autoren, sondern als praktische Bezeichnung für drei Teile des Buches.
Darum füge ich diesen Exkurs zur Autorschaft hier ein: Er berührt direkt die Frage nach der Struktur.
Viele Forscher haben versucht herauszufinden, wann und unter welchen Umständen einzelne Abschnitte geschrieben oder ergänzt wurden. Einigkeit gibt es dabei kaum; die Meinungen gehen weit auseinander. Es fehlt schlicht an gesicherten Daten. Wir haben kaum mehr als das fertige Buch, mit dem wir arbeiten können. Am Ende bleibt vieles Spekulation.
Gleichzeitig ist in der Wissenschaft die Erkenntnis gewachsen, dass Jesaja als Ganzes eine sorgfältige Komposition ist. Wer immer das Material sammelte und ordnete, tat weit mehr, als nur Textstücke aneinanderzureihen. Jesaja ist kein Flickwerk, sondern ein bewusst gestaltetes Werk – darin sind sich inzwischen viele einig.
Man spricht zwar weiterhin von Deutero- und Tritojesaja, das liegt aber daran, dass diese Abschnitte vieles gemeinsam haben – und zugleich enge Verbindungen zum Jesaja des 8. Jahrhunderts aufzeigen. Das lädt zum Nachdenken ein. Vielleicht hat Jesaja selbst mehr zum Endtext beigetragen, als man in der modernen Forschung oft annimmt.
Ein Beispiel dafür ist die Bezeichnung Gottes als „der Heilige Israels“. Sie taucht in Jesaja 25 Mal auf, dazu einmal als „der Heilige Jakobs“ (Jes. 29,23). Außerhalb von Jesaja erscheint diese Formulierung nur selten – dreimal in den Psalmen (Ps. 71,22; 78,41; 89,18) und zweimal in Jeremia (Jer. 50,29; 51,5). Jesaja verwendet sie sowohl in den Kapiteln 1–39 (13 Mal) als auch in den Kapiteln 40–66 (ebenfalls 13 Mal, allerdings nur 2 Mal im sogenannten Tritojesaja).
Auch viele andere Motive verbinden die unterschiedlichen Teile des Buches. Man kann also von einer tiefen Einheit sprechen – unabhängig davon, wie genau die Entstehungsgeschichte zu verstehen ist. Jesaja ist keine lose Sammlung von Orakeln.
Im nächsten Abschnitt wenden wir uns dem eigentlichen Thema wieder zu: der Struktur des Buches.
Jesaja 1: Prolog
Das erste Kapitel von Jesaja nimmt eine besondere Stellung ein. Jesaja 2 beginnt mit einer zweiten Überschrift. Außerdem beschreibt Jesaja 1 das Land als verwüstet und verödet, fast so schlimm wie Sodom und Gomorra. Jerusalem ist nur noch wie eine einsame Hütte übriggeblieben (Jes. 1,7-9).
Dies wäre in den Tagen von Usija oder Jotham, als Jesaja zu prophezeien begann (ca. 739 v. Chr.), noch nicht der Fall gewesen. Wahrscheinlich beschreibt Jesaja 1 die Lage nach der assyrischen Invasion unter Sanherib im Jahr 701 v. Chr. Mit anderen Worten: Dieses Kapitel steht nicht am Anfang, sondern relativ spät im Wirken Jesajas. Es dient als bewusster Prolog zum ganzen Buch.
Der Text funktioniert wie eine Anklageschrift in Form einer sogenannten „Bundesklage“ – einer prophetischen Klage über den Bruch des Bundes zwischen Gott und seinem Volk. Israel wird mit seiner Rebellion und seinem leeren Gottesdienst konfrontiert. Gleichzeitig spricht Jesaja 1 auch von der Rettung Zions – aber nur für diejenigen, die bereit sind, umzukehren.
Viele Ausleger sehen in Kapitel 1 zusammen mit den Kapiteln 65 und 66 eine Rahmung (eine sogenannte Inklusion), die Anfang und Ende des Buches verbindet und so die Einheit des Ganzen signalisiert.
Einige wiederkehrende Motive am Anfang und am Ende von Jesaja neben Rebellion, Zion/Jerusalem und Erlösung sind:
- Die Erwähnung von Himmel und Erde (Jes. 1,2; 65,17; 66,22)
- Eine Kritik an leeren und perversen Ritualen (Jes. 1,11-17; 65,3-5; 66,3f)
- Die Heiligtümer der Gärten (Jes. 1,29; 65,3: 66,17)
- Gott als Vater (Jes. 1,2; 66,13; 65,18f)
- Die Unterscheidung zwischen den Reumütigen und den Ungehorsamen (Jes. 1,16-20, 28-31; 65,1-16)
Jesaja 2-12: Diagnose und Lösung
Der Fokus von Jesaja 2-12 liegt auf Israel und Juda. Die erste Einheit bilden die Kapitel 2-4. Sie sind wie ein Sandwich aufgebaut: Zwischen zwei Verheißungen für die ferne Zukunft steht eine scharfe Diagnose des nahen Gerichts und seiner Ursachen. Hier bekommen wir einen klaren Blick auf den geistlichen Zustand der Nation. Die Diagnose lautet: unheilbar krank.
Jesaja 5 fängt dieses Urteil in einem Lied und in dem Bild vom unfruchtbaren Weinberg ein – ein Lied, das später das Gleichnis von den ungerechten Pächtern inspirierte (Mk. 1-12 und Parallelen). Unmittelbar danach folgt eine Reihe von „Weherufen“ – prophetische Anklagen, die mit dem resultierenden Gerichtsurteil verbunden sind: „Weh denen … Darum …“
Jesaja 6 bringt einen Bruch: Der Prophet schildert seine Vision im Todesjahr des Königs Usija (Jes. 6,1). Es ist eine der wenigen präzisen Zeitangaben im Buch. Auf den ersten Blick wirkt das Kapitel wie die ursprüngliche Berufungsgeschichte Jesajas. Seine Platzierung hier könnte aber bewusst gewählt sein, um den ganzen Block Jesaja 2-12 in zwei Hälften zu teilen.
Einerseits rundet Kapitel 6 die Analyse ab – eine Art Buch der Sünde und der Verhärtung (Jes. 1-6). Jesaja begegnet der Heiligkeit Gottes, wird gereinigt und dann zu einem Auftrag gesandt, der paradoxerweise nicht zur Umkehr, sondern zur Verhärtung führt – und letztlich ins Exil. Nach den vorangegangenen Kapiteln verstehen wir, warum dieser harte Auftrag nötig ist.
Andererseits endet Kapitel 6 mit einem Hoffnungsschimmer: ein verbleibender Stumpf, der „ein heiliger Same (oder Nachkomme)“ ist. Damit wird bereits auf Jesaja 7-12 vorausverwiesen – das Buch Immanuels. Dort begegnen wir wieder diesem Bild vom Stumpf und vom Spross: „Denn ein Kind wird uns geboren … ein Reis aus dem Stumpfe Isais“ (Jes. 9,6 und 11,1; Menge). Dieses Kind ist Gottes Antwort auf die in den ersten Kapiteln gestellte Diagnose.
Von dem Kind, Immanuel, ist in Jesaja 7-12 dreimal die Rede. Zuerst geht es um seine Empfängnis (Jes. 7,14). Sie soll ein Zeichen sein, also erwarten wir etwas Außergewöhnliches.

Die Erfüllung kann nicht der Sohn Jesajas sein, denn der trägt einen anderen Namen (Jes. 8,3f). Auch Hiskia kommt nicht infrage, da er bereits geboren war (vgl. 2. Kö. 18,2). Es muss also ein anderes Kind gemeint sein – nicht unbedingt ein Kind der unmittelbaren Gegenwart. Es fungiert vor allem als Zeichen des nahen Gerichts: In Jesaja 7,17-25 und im gesamten Kapitel 8 wird das Kommen der Assyrer angekündigt. Und dieses Zeichen richtet sich nicht nur an Ahas, sondern an das ganze Haus Davids (Jes. 7,13f: „ihr“, nicht „du“). Die Dynastie ist gescheitert; die menschlichen Nachkommen Davids können Israels Krise nicht lösen. Deshalb dieses Kind.
Mit anderen Worten: Das Zeichen ist bewusst zweideutig. Kommt die Erfüllung bald – oder erst viel später?
Der Schlüssel, um Jesaja 7,14 zu verstehen, liegt in der Fortführung des Motivs. Das Kind taucht in Jesaja 9 erneut auf. Dort wird klar: Es ist Nachkomme Davids, ist aber mehr als nur ein Mensch. Die Prophetie spricht plötzlich von einer fernen Zukunft. In Jesaja 11 begegnet uns das Kind ein drittes Mal, nun als erwachsener Herrscher, bereit zu regieren.
Und die Assyrer? In einem eindrucksvollen Bild aus der Forstwirtschaft werden sie gefällt wie Bäume (Jes. 10,33f). An ihrer Stelle wächst Gottes Antwort auf die Reiche dieser Welt: „ein Reis aus dem Stumpfe Isais“ (Jes. 11,1; Menge). Damit beginnt die ausführlichste Beschreibung dieses „neuen Davids“.
Jesaja 12 schließt den ganzen Abschnitt mit einer erhofften Antwort des Volkes „zu der Zeit“, ein Lied des Dankes und ein Aufruf, Gottes Heil in der ganzen Welt bekannt zu machen.
Jesaja 13-27 I: Die Völker, einzeln dargestellt
Der nächste Abschnitt enthält Prophetien über andere Nationen. Diese Kapitel sind sorgfältig strukturiert: Zehn Überschriften gliedern den Text in zwei Gruppen von jeweils fünf Abschnitten. Zwar wirken die Titel der zweiten Gruppe etwas rätselhaft, doch ist meist klar, welche Nation jeweils gemeint ist.
Auffällig ist: Beide Gruppen beginnen nicht mit Assyrien – der unmittelbaren Bedrohung – sondern mit Babylon, das erst später eine Rolle spielte. Der vierte Abschnitt richtet sich in beiden Gruppen nicht gegen eine fremde Nation, sondern überraschend gegen Israel selbst.
Obwohl die Prophetien hauptsächlich das kommende Gericht ankündigen und sich auf die assyrische Krise beziehen, enthalten sie zugleich Verheißungen: Segen für die Völker (außer für Babylon) weit über diese Zeit hinaus.
Jesaja 13-27 II: Das Gesamtbild
Jesaja 24-27 bilden eine eigene Einheit, die aber eng mit den Kapiteln 13-23 verbunden ist: Sie verbinden die einzelnen Prophetien zu einer übergeordneten Gesamtschau. Der Text wirkt wie ein aufziehendes Gewitter – die Spannung steigt, eine turbulente Zeit kündigt sich an. Doch hinter den dunklen Wolken blitzt bereits das Licht der Erlösung auf (z.B. Jes. 24,14–16a). Am Ende dieses Prozesses werden selbst ferne Nationen Israels Gott erkennen und ihn preisen.
Hier begegnet uns ein typisches Merkmal hebräischer Prophetie: die „Zeitverkürzung“. Chronologie spielt keine Rolle; Ereignisse werden verdichtet, als ob alles rasch aufeinander folgen wird – auch wenn sich die Erfüllung in Wirklichkeit über Jahrhunderte hinzieht.
In der Fachliteratur wird Jesaja 24-27 Jesaja-Apokalypse genannt und als späte Ergänzung angesehen. Es handelt sich jedoch keineswegs um eine Apokalypse; es fehlen die typischen Merkmale wie Visionen, Engel und Einblicke in himmlischen Welten. Der Textabschnitt befasst sich zwar mit einem kosmischen Endkampf (Jes. 24,21-23 und 27,1), doch solche Motive finden sich auch in anderen prophetischen Texten, nicht nur in der Apokalyptik.
Jesaja 24-27 ist außerdem kunstvoll aufgebaut: in einer chiastischen Struktur (d.h. Themen wiederholen sich spiegelbildlich, in umgekehrter Reihenfolge):
- Jes. 24,1-20 Gottes Stadt und Weinberg
- Jes. 24,21-23 Gott straft (Heerscharen im Himmel und Könige auf Erden, Jes. 24,21) und herrscht
- Jes. 25,1-5 Antwortlied: die Stadt des Menschen ist nicht mehr
- Jes. 25:6-12 Das große Festmahl auf dem Zion
- Jes. 25,1-5 Antwortlied: die Stadt des Menschen ist nicht mehr
- Jes. 26,7-27,1 Gott wird herrschen und strafen (Leviathan, Jes. 27,1)
- Jes. 24,21-23 Gott straft (Heerscharen im Himmel und Könige auf Erden, Jes. 24,21) und herrscht
- Jes. 27,2-13 Gottes Weinberg und Stadt
[Anmerkung: Die genaue Stellung von Jesaja 26,7-19 ist unsicher. Gehören die Verse zum Lied in 26,1-6 oder bilden sie eine eigene Einheit? Sie passen weniger gut in die chiastische Struktur.]
Ein faszinierendes Detail: Die „Stadt“ bleibt namenlos (Jes. 25,2; 26,5). Ist Ninive gemeint? Babylon? Rom? Oder steht sie stellvertretend für alle Weltreiche? Wahrscheinlich Letzteres: „Die Stadt“ symbolisiert das Reich dieser Welt, nicht einen einzelnen Ort. Jesaja hat die Botschaft verallgemeinert, um sie auf jedes Weltreich und jeden rücksichtslosen Herrscher anwendbar zu machen. Hier geht es ihm nicht um Details, sondern um das sichere Ergebnis: Die Stimme der Rücksichtslosen verstummt.
Auch interessant: Das Weinberg-Motiv kehrt zurück (Jes. 27,2-6) – ein Gegenstück zu Kapitel 5. Doch nun ist der Weinberg vollkommen: Er bringt reiche Frucht und füllt die Erde (Jes. 27,6).

Jesaja 28-35: Auf dem Weg zum Jahr 701 v. Chr.
Nun richtet Jesaja den Blick wieder auf Juda und Jerusalem. In diesem Abschnitt finden wir eine Reihe von „Weherufen“ (Jes. 28,1; 29,1, 15; 30,1; 31,1; 33,1). Sie treffen Jerusalem selbst, nur der letzte richtet sich gegen den „Verwüster“; damit ist Assyrien gemeint.
Der Charakter des Textes ist hier ein anderer als zuvor. Es fällt schwerer, einzelne Prophetien voneinander abzugrenzen. Die Themen greifen ineinander, wie Motive in einer Symphonie, die weiterentwickelt werden. In den Kapiteln 40ff wird dieser Eindruck noch stärker.
Der größte Teil dieses Materials stammt aus der Regierungszeit Hiskias. Immer wieder kehren drei Hauptthemen zurück:
- Die Assyrer kommen; gemeint ist Sanheribs Invasion im Jahr 701 v. Chr. (z.B. Jes. 29,1-4).
- Juda soll sich nicht auf Ägypten oder andere Bündnisse verlassen; genau das geschieht aber (z.B. Jes. 30,1-7).
- Gott selbst wird Jerusalem vor den Assyrern retten (z.B. Jes. 29,5-8).
In der Verheißung der Befreiung und in der Beschreibung der Folgen der Invasion geht Jesaja manchmal über die historische Situation hinaus. Hiskia war ein guter König; aber war die Zeit nach 701 v. Chr. wirklich so gut?
Auch hier begegnet uns die Zeitverkürzung. Jesaja verbindet die Rettung seiner Zeit mit einer viel größeren, zukünftigen Errettung und mit einem kommenden König der Gerechtigkeit.
Jesaja 34 und 35 stehen etwas abseits vom Hauptteil. Ihre Funktion ähnelt der von Jesaja 24-27. Sie erweitern und verallgemeinern die Themen. Kapitel 34 zeigt das Gericht: Edom wird zur Wüste. Kapitel 35 malt das Gegenbild: Die Wüste verwandelt sich in fruchtbares Land.
Zugleich bereiten diese beiden Kapitel den Boden für die zweite Hälfte des Buches. Viele Motive tauchen dort erneut auf. Kapitel 35 malt das Evangelium in Bildern: eine Vorschau auf vieles, was im Rest von Jesaja entfaltet wird – ein deutlicher Hinweis auf die sorgfältige Komposition des Buches.
Jesaja 36-39 Die Assyrer im Land
Bevor Jesaja die assyrische Zeit hinter sich lässt, gibt es einen Abschnitt mit historischer Erzählung. Er erzählt von der Invasion Sanheribs und der Krankheit und Heilung Hiskias etwa zur gleichen Zeit. Dies führte zu einem Besuch aus dem fernen Babylon, das in Jesaja 39 beschrieben wird.
Diese Kapitel dokumentieren die Erfüllung der Vorhersagen Jesajas. Sie zeigen auch den Gegensatz zwischen Hiskia und seinem Vater Ahas (Jes. 7). Die Situation, in der sich Ahas und Hiskia behaupten mussten, sind vergleichbar. Beide sahen sich einer militärischen Bedrohung ausgesetzt und erhielten ein Wort von Gott. Ihre Reaktion hätte unterschiedlicher kaum sein können.
Jesaja 39 macht jedoch deutlich, dass auch Hiskia versagt. Er ist treu, aber nicht treu genug, um seinem Volk eine bleibende Erlösung zu sichern. Das Exil ist unvermeidlich als notwendiger Schritt auf dem Weg zu dieser größeren Erlösung.
Die Erwähnung Babylons in Jesaja 39 bereitet den Boden und schlägt eine Brücke in die zweite Hälfte von Jesaja – wo sich Israel tatsächlich in babylonischer Gefangenschaft befindet und sich nach Befreiung sehnt.

Jesaja 40-66: Die Rückkehr aus dem Exil und darüber hinaus
Mit Jesaja 39 schließt der erste große Teil des Buches. Nun schlägt der Text eine Brücke in eine neue Epoche: Jesaja 40–66 richtet sich nicht mehr an die Zeitgenossen Jesajas, sondern an das Volk Israel im Exil. Auch der Ton ändert sich: Trost statt Konfrontation.
Gegen Ende gibt es jedoch immer dringlicher eine Warnung – und mit ihr einen meist impliziten Appell zur Umkehr. Wie in Jesaja 1 trennt die Grenze zwischen „Geretteten“ und „Gerichteten“ nicht einfach die Israeliten von den Heiden; sie zieht sich auch quer durch das Volk Israel.
Wie bei der Erörterung von Jesaja 28-35 erwähnt, lesen sich diese Kapitel wie eine Symphonie. Einzelne prophetische Worte sind oft nicht erkennbar. Stattdessen lesen wir eine fortlaufende Präsentation, vielleicht eher ein sorgfältig komponiertes literarisches Werk als eine Sammlung gesprochener Botschaften.
Jesaja bietet uns ein atemberaubendes Panorama von allem, was Gott noch vorhat: die Rückkehr aus dem Exil und darüber hinaus – bis in den neuen Himmel und auf eine neue Erde, das einzige Buch im Alten Testament, das diesen Ausdruck verwendet.
Wir sollten daher erkennen, dass in diesen Kapiteln eine wesentliche Verkürzung der Zeit stattfindet. Über weite Strecken liest es sich, als ob alles in rascher Folge geschieht, als wären Kyros, der erwähnte Perserkönig, und der Gottesknecht aus Jesaja 53 Zeitgenossen, die die glorreiche Zukunft einläuten. Es gibt aber auch Hinweise auf einen Prozess. Vor allem in Jesaja 63-66 geht es um Frust und Zweifel, die durch eine empfundene Verzögerung und scheinbare Passivität Gottes verursacht werden. Tatsache ist: Es wird lange dauern, bis das alles geschieht.
Im Folgenden teile ich diesen Teil des Buches in drei Abschnitte: Jesaja 40-48, 49-57 und 58-66. Eine Unterteilung bei Jesaja 49,1 ist durchaus üblich, aber bei Jesaja 58:1 eher selten. Wie wir gesehen haben, sieht die moderne Wissenschaft die Unterteilung in Jesaja 56,1. Dies soll der Beginn des Tritojesaja und seines vermuteten nachexilischen Kontextes sein (auch wenn vieles in Jesaja 56 und 57 auch auf vorexilische Leser und Zuhörer zutreffen würde).
Ich sehe jedoch gute Gründe, anders zu gliedern:
- Die Zusammenhänge zwischen Jesaja 56 und den vorhergehenden Kapiteln, wie im Folgenden erläutert wird
- Der wiederholte Satz, der am Ende von Jesaja 48 und Jesaja 57 ein strukturelles Zeichen setzt: „Die Gottlosen haben keinen Frieden“. Die Wiederholung fehlt am Ende von Jesaja 66. Dort findet sich aber ein ähnlicher Gedanke in Bezug auf diejenigen, die sich gegen Gott auflehnten: „Ihr Wurm wird nicht sterben, und ihr Feuer wird nicht verlöschen“ (Jes. 66,24)
- Die einzigartigen thematischen Schwerpunkte in jedem Abschnitt, wie im Folgenden beschrieben wird

Jesaja 40-48: Befreiung aus Babylon
Der erste große Abschnitt der zweiten Buchhälfte (Jesaja 40–48) stellt die Befreiung Israels aus der babylonischen Gefangenschaft in den Mittelpunkt. Mehrere Themen tauchen hier immer wieder auf und geben dem Ganzen seine Struktur:
Schöpfer. Jesaja betont: Es gibt nur einen Gott – den Schöpfer der Welt. Er allein hält alles in seiner Hand.
Babylon. Viermal nennt Jesaja Babylon beim Namen. Nach Kapitel 48 verschwindet es völlig aus dem Text.
Die Götzen. Mit scharfer Ironie verspottet Jesaja die Götzenbilder. Mehrfach hebt er hervor: Sie können nichts bewirken, sie sind nur tote Materie. Der Begriff Götze wird hier sechsmal verwendet, in den übrigen Kapiteln jedoch nur einmal (Jes. 66,3).
Prozess. Ein faszinierendes Bild ist das einer Gerichtsverhandlung. Mehrmals ruft Gott die Völker und ihre Götter vor Gericht: Wer ist wirklich Gott? Wer kann die Zukunft voraussagen? Dieses Motiv verschwindet nach Kapitel 48.
Kyros. Gott zeigt seine Überlegenheit, indem er ankündigt, wer mit Babylon abrechnen und Jerusalem und seinen Tempel wieder aufbauen wird. Er nennt diese Person sogar beim Namen: Kyros, der Perserkönig, der später tatsächlich das Exil beendete (Jes. 41,2f, 25-27; 44,28-45,7, 13; 48,14f; Kyros wird nachher nicht mehr erwähnt).
All diese Themen laufen auf ein zentrales Ziel hinaus: die Befreiung aus Babylon und die Heimkehr aus dem Exil. Gott selbst ist der Handelnde – der Schöpfer, der die Geschichte lenkt und durch Kyros den Weg in die Freiheit eröffnet. Im nächsten Abschnitt (Jesaja 49–57) verlagert sich der Blick: Nun geht es nicht mehr um Babylon, sondern um die Rettung und Wiederherstellung Zions.
Jesaja 49-57: Die Rettung Zions
Mit Kapitel 49 verschiebt sich die Perspektive: Babylon verschwindet völlig aus dem Blick. An seine Stelle tritt Zion, das in diesen Kapiteln wie eine Frau dargestellt wird, verlassen und kinderlos, aber von Gott nicht vergessen.
Eine neue Gestalt tritt ins Zentrum: der Gottesknecht. Während im vorherigen Abschnitt Kyros, der persische König, Gottes Werkzeug war, ist es nun dieser geheimnisvolle Knecht. Doch er wirkt auf den ersten Blick wie ein Versager: Er leidet, er wird verachtet, sein Auftreten stößt eher ab.
Der Knecht tritt zum ersten Mal im vorigen Abschnitt in Erscheinung, Jesaja 42,1-9. Jetzt folgen weitere drei sogenannten „Gottesknechtslieder“ (Jesaja 49, 50 und vor allem 52–53). Sie wirken auf den ersten Blick wie eingeschoben. Doch tatsächlich bilden sie das Herzstück: Ohne den Gottesknecht gäbe es keine endgültige Rettung. Er ist unverzichtbar: Er bringt Erlösung, die weit über die Rückkehr aus dem Exil hinausgeht. Das Neue Testament erkennt in ihm Jesus Christus.
Ich rechne Jesaja 56 und 57 diesem Abschnitt zu, u.a. wegen der Formulierung in Jesaja 57,21. Darüber hinaus verbinden mehrere Schlüsselbegriffe Jesaja 56 mit den vorangegangenen Kapiteln:
- Ewig (Jes. 55,3, 1; .56,5)
- Name (Jes. 55,13; 56,5)
- Zeichen oder Denkmal (Jes. 55,13; 56,59)
- Gottes Heil und Gerechtigkeit (Jes. 56,1), eine wiederholte Kombination in Jesaja 40-55
Zugegebenermaßen gibt es auch Verbindungen zu dem, was folgt. Der Sabbat (Jes. 56,2, 4, 6) zum Beispiel taucht in Jesaja 58,13 und 66,23 wieder auf. Aber das unterstreicht die Einheit des Buches. Außerdem zeigt Jesaja 58 mehr Diskontinuität als Jesaja 56.
Denn, und das ist wichtig, Jesaja 56 greift das Vorhergehende auf und baut darauf weiter. Das Kapitel steht nicht für sich allein, als Neuanfang. Es ist ein Appell. Der Grund dafür wird in Jesaja 56,1 klar: „Denn mein Heil ist nahe, dass es komme, und meine Gerechtigkeit, dass sie offenbart werde“ – genau das Thema der vorangegangenen Kapitel. Es handelt sich um eine praktische Umsetzung, eine Reaktion auf die Ankündigung, die zuvor gemacht wurde. Das Kapitel ist eine Schlussfolgerung, keine Eröffnung.
Jesaja 58-66: Künftige Herrlichkeit und persönliche Verantwortung
Im letzten Teil erreichen die Verheißungen ihren Höhepunkt (Jes. 60-62). Zion wird zum strahlenden Mittelpunkt der Völker.
Doch daneben steht eine ernste Warnung: Ohne Gerechtigkeit wird niemand an dieser Herrlichkeit teilhaben. Persönliche Verantwortung und gesellschaftliche Gerechtigkeit sind untrennbar. Schon gleich zu Beginn macht Jesaja klar: Religiöse Rituale allein genügen nicht.
Jesaja 58-66 ist kunstvoll aufgebaut. Die Kapitel bilden einen Chiasmus:
- Jes. 58,1-59,15a Das Fasten der Gemeinschaft und Gottes Antwort
- Jes. 59,15b-21 Der göttlicher Krieger geht hinaus
- Jes. 60-62 Herrlichkeit Zions
- Jes. 63,1-6 Der göttliche Krieger kehrt zurück
- Jes. 59,15b-21 Der göttlicher Krieger geht hinaus
- Jes. 63,7-66,24 Das Gebet der Gemeinschaft und Gottes Antwort
[In aller Fairness: Der Chiasmus könnte erweitert werden, um Jesaja 56 und 57 als Gegenstück zu Jesaja 65 und 66 einzubeziehen. Diese Kapitel teilen das Bewusstsein zweier Parteien in Israel: der Knechte Gottes und derer, die sich gegen ihn auflehnen. Dies wäre ein Argument für eine Unterteilung in Jesaja 56,1. Es ist jedoch nicht ungewöhnlich, dass es mehr als ein Prinzip gibt, nach dem ein gut aufgebauter Text angeordnet ist, was zu unterschiedlichen Strukturmodellen mit überlappenden Einheiten führt. Daniel zum Beispiel besteht aus Erzählung (Dan. 1-6) und Visionen (Dan. 7-12), doch in Bezug auf die Sprache findet der Wechsel vom Aramäischen zum Hebräischen in Daniel 8,1 statt. Hier endet auch der Chiasmus von Daniel 2-7. So gesehen umfasst Daniels erster Teil die erste der Visionen, die in einer anderen Perspektive zum zweiten Teil gehört.]
Das Schlussgebet in Jesaja 63,7-64,12 ist vergleichbar mit den Liedern, die wir in Jesaja 12 und 26 gefunden haben: Es sind Worte, die einer zukünftigen Generation von Gottes Volk in den Mund gelegt werden, um Gott zu antworten. Auch hier zeigt sich das Bewusstsein, dass die Erfüllung nicht unmittelbar ist, trotz der ultraschnellen Bewegung in den vorangegangenen Kapiteln.
So endet das Buch mit einer doppelten Botschaft: Die Herrlichkeit kommt – aber nur für die, die sich Gott zuwenden. Am Ende stehen nicht nur große Visionen, sondern auch ein Appell an jede und jeden persönlich.

Das dreifache Evangelium des Jesaja
Die dreiteilige Struktur von Jesaja 40-66 zeigt somit ein überraschendes Muster:
In Jesaja 40-48 tritt Gott selbst auf: der Schöpfer, der die Welt gemacht hat und nun auch die Erlösung in Gang setzt.
In Jesaja 49-57 übernimmt der Gottesknecht die zentrale Rolle. Durch sein Leiden und seinen scheinbaren Misserfolg wird Gottes Rettung Wirklichkeit. Das Neue Testament erkennt in ihm Jesus, Gottes Sohn.
In Jesaja 58-66 ist zwar weniger deutlich, es wird aber eine gewisse Betonung auf den Geist Gottes gelegt. Er ist derjenige, der Gottes Volk von der Rebellion abhält und es zur Herrlichkeit führt.
So verkündet Jesaja nichts Geringeres als das Evangelium im Voraus: die gute Nachricht – so wörtlich in Jesaja 40,9 und an einigen anderen Stellen. Gott, der Schöpfer, leitet die Erlösung ein, der Knecht sichert sie, und der Geist bringt sie zur Vollendung.
Am Ende des Buches ist die Bühne bereitet: Nun fehlt nur noch die Geburt dessen, den das Neue Testament als den Gottesknecht erkennt. Es kann Weihnachten werden, damit die Erlösung der Welt beginnt.

Bildnachweis
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Literaturangaben
Bibelzitate, wenn nicht anders angegeben: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. 1999. Revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe (Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft)
Die Heilige Schrift übersetzt von Hermann Menge. 1994. Neuausgabe (Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft)
