Deín Reich komme: Die Offenbarung ist das Evangelium – die gute Nachricht. Es ist kein Anhang zum Evangelium. Es ist nicht nur das letzte Kapitel. Es ist kein Epilog zur Bibel. Die Offenbarung ist das Evangelium, nicht weniger als Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, allerdings in einer überwiegend symbolischen Form.
Diesen Brief gibt es in Englisch auch als VIDEO PODCAST
Ich habe ausführlich über die Offenbarung geschrieben (und Podcasts aufgenommen). Du kannst zur vollständigen Liste der Aufnahmen und Skripte gehen, falls du eine detailliertere Textauslegung suchst. Was hier folgt, ist ein Blick auf die Offenbarung im Gesamtbild der Bibel.
Verheißung und Erfüllung
Die Bibel beginnt mit Verheißung – ein Thema, das sich durch einen Großteil des AT zieht. Es gibt eine gewisse Erfüllung, aber sie ist begrenzt. Worum geht es bei der Verheißung? Kurz gesagt: um Erlösung. Auch um das Reich Gottes: Gott wird die Erde richten, Gerechtigkeit schaffen und als König über die Schöpfung herrschen. Shalom, das wäre eine weitere Zusammenfassung in einem Wort.
Die Eröffnung des NT markiert den Beginn einer neuen Ära: der Ära der Erfüllung. Die Erfüllung ist noch nicht abgeschlossen, aber sie ist real.
Klärung erforderlich
Doch der Beginn dieser neuen Ära bringt Überraschungen mit sich. Die erwartete Erlösung kam – aber in der Gestalt Jesu, der am Kreuz starb. Das war nicht offensichtlich. Niemand hat dieses Ende kommen sehen – außer vielleicht ein paar Propheten (vgl. Jes. 53; Sach. 11). Die vier Evangelien erklären dies nur ansatzweise. Es gibt ein paar Hinweise: das Lamm Gottes (Joh. 1,36), ein Lösegeld für viele (Mk. 10,45), der neue Bund und das Passahmahl, das einen zweiten Exodus einleitet (Lk. 22,19f). Viel ist das nicht.
Im Übrigen sind diese drei Themen für die Offenbarung wesentlich und bestätigen das Buch als Evangelium. Das Lamm Gottes ist die zentrale Person. Es hat sein Blut als Lösegeld gegeben (Offb. 5,9). Das Ergebnis ist ein zweiter Exodus; die Offenbarung wiederholt viele Elemente aus dem Buch 2. Mose.
Eine zweite Überraschung: Wir hatten ein Königreich erwartet. Aber was kam, ist die Kirche –nicht dasselbe, und etwas, worüber die vier Evangelien so gut wie nichts sagen.
Was bedeutet das alles: das Kreuz als Erlösung, das Reich, das auf diesem Weg kommt, und die Kirche? Und wie sollen wir heute leben, in der unerwarteten Zwischenzeit?
Hier kommen die Briefe ins Spiel. Geschrieben an Gemeinden der neuen Bewegung – die wir heute Christentum nennen – erklären sie vieles und vermitteln eine neue Lebensweise.
Dennoch war weitere Klärung erforderlich. Der Prozess der Erfüllung blieb unvollendet. Jesus war sich dessen bewusst, wie das Vaterunser (Mt. 6,9-13) überdeutlich macht. Wir werden auf dieses Gebet zurückkommen; es gibt uns den Schlüssel zur Offenbarung. Wie die Offenbarung ist auch das Vaterunser nicht etwas anderes als das Evangelium oder lediglich ein Anhang. Das Gebet gehört zu seinem Kern, zum Wesentlichen. Und es bringt zum Ausdruck, dass die Vollendung noch aussteht.
Wie wird das Reich Gottes vollendet? Sowohl in den Evangelien als auch in den Briefen finden wir Bruchstücke einer Antwort. Aber es ist das Buch Offenbarung, das die Vollendung in den Mittelpunkt stellt.

Futurismus
Aufgrund dieser Fokussierung auf die Vollendung denken viele Leser der Offenbarung, dass es in dem Buch um die Zukunft geht – unsere Zukunft und in der Regel die nahe Zukunft. Diese Herangehensweise an die Interpretation der Offenbarung wird als Futurismus bezeichnet. Im Futurismus befasst sich die Offenbarung mit den letzten Jahren – vielleicht sieben Jahren, vielleicht weniger –, die der Wiederkunft Christi vorausgehen.
Obwohl der Futurismus weit verbreitet ist, macht er keinen Sinn. Warum sollte Gott den Gläubigen am Ende des ersten Jahrhunderts sagen, was 1900 Jahre später geschehen würde? Und dann behaupten, dass dies „in Kürze geschehen soll“ (Offb. 1,1)?
Präterismus
Was, wenn das Buch – zumindest teilweise – von Dingen handelt, die in der Zukunft lagen, als es geschrieben wurde, die aber jetzt in der Vergangenheit liegen? Dann geht es in der Tat um Dinge, die sich bald zugetragen haben.
Eine baldige Erfüllung eines Großteils des Buches – „baldig“ aus der Perspektive der ersten Leser – scheint eine vernünftige Erwartung zu sein, auch weil diese Leser klar identifiziert werden: sieben Gemeinden in der römischen Provinz Asien, die in Offenbarung 1,11 aufgeführt sind.
Aus diesen Überlegungen ist der sogenannte Präterismus entstanden (von lat. praeter, vorbei, vorüber). Präterismus versucht, das Buch als größtenteils in der Vergangenheit erfüllt zu verstehen, oft im Konflikt zwischen der Kirche und dem Römischen Reich, wie er sich in den ersten Jahrhunderten entfaltete.
Idealismus
Wenn wir annehmen, dass der Kontext der Offenbarung die Welt des ersten Jahrhunderts ist, sind wir in der Lage, viele Details sehr gut zu verstehen. Der Präterismus kann jedoch nicht alles erklären, denn die Offenbarung befasst sich auch mit der Vollendung. Anders als bei den Evangelien und der Apostelgeschichte bleibt das Ende der Offenbarung nicht offen.
Darüber hinaus wiederholen sich viele Elemente aus der Offenbarung und der Erfahrung der Urkirche, natürlich mit Variationen, im Laufe der Geschichte. Wir finden Muster, die wieder auftauchen, wie z.B. das Tier als Kaiser und Imperium. Babylon steht für Rom, aber auch für mehr als Rom. Die letzte Schlacht findet nicht nur einmal statt.
Diese Einsichten führen zu einer Herangehensweise an die Offenbarung, die als Idealismus bezeichnet wird: Das Buch beschreibt in römischer Form allgemeine Muster, Kräfte und Prinzipien, die auch in anderen Zeiten und Kulturen erkennbar sind.
Als solche ist die Offenbarung für Gläubige in jedem Jahrhundert relevant. Und sie füllt die Lücke zwischen dem Beginn der Erfüllung in den Evangelien und ihrer Vollendung.
Dein Reich komme: Der Schlüssel zur Offenbarung
Dies bringt uns zu der Frage, die die Offenbarung letztlich anspricht: Wie wird Gottes Reich kommen? Es führt uns auch zum Vaterunser, denn dieses Gebet ist programmatisch. Es legt fest, wofür Gläubige beten – und arbeiten – sollten. Der Anfang und das Ende des Gebets zeigen, was noch unvollendet ist und auf Erfüllung wartet.
Das Gebet beginnt mit drei Petitionen, die nicht synonym sind, sich aber in ihrer Bedeutung überschneiden:
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. (Mt. 6,9f)
Genau darum geht es in der Offenbarung. Gottes Name wird ernst genommen, sein Reich wird kommen, und sein Wille wird auf Erden geschehen.
Erlöse uns vom Bösen: Ein Work in Progress
Der Übergang verläuft nicht friedlich. In der Offenbarung geht es um den messianischen Krieg, der sich mit der Geburt Jesu dramatisch verschärft hat (Offb. 12) und der das gesamte Zeitalter der Gemeinde kennzeichnet.
Das Vaterunser spiegelt diese Wirklichkeit in seiner letzten – siebten – Bitte wider: „Erlöse uns vom Bösen“ (Mt. 6,13b). Es gibt Widerstand und Gegner. Das Böse ist in der Schöpfung präsent. Die Schöpfung muss also vom Bösen befreit werden.
Das ist allerdings nicht so einfach, wie es scheint: Einfach den Teufel und seine Verbündeten beseitigen – und fertig! Die Petition gegen das Böse im Vaterunser ist der zweite Teil eines Satzes. Die Bitte steht nicht isoliert. Der vollständige Satz lautet:
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns vom Bösen. (Mt. 6,13)
Die Kombination impliziert, dass die Präsenz des Bösen in der Welt etwas mit uns zu tun hat. Wir selbst laufen Gefahr, dem Bösen zu erliegen und Teil des Problems zu sein. Wir sind nicht immun.

Das Böse ist nicht leicht zu lokalisieren. Wir können nicht einfach darauf zeigen: Da ist es! Wir können es nicht auf einer Karte einzeichnen und behaupten: Entfernt diese Länder und das Böse ist vorbei. Oder diese Tyrannei und jene Diktatur und das Böse ist gestürzt. Das Böse ist tief in den einzelnen Menschen, in unseren Nationen und in unseren Kulturen verwurzelt. Es ist Teil unserer Systeme und Strukturen (in manchen mehr als in anderen). Und: Die Überwindung des Bösen beginnt bei uns (nicht bei „denen“).
Es gibt keine schnelle Lösung; es braucht einen langen Weg des Gehorsams.
Auch, wenn es nicht einfach ist, das Böse wird besiegt werden. Es wird sich nicht durchsetzen. Sein Reich kommt; Gott wird König. Das ist die gute Nachricht der Offenbarung – und deshalb ist sie das Evangelium.
Bildnachweis
Literaturangaben
Bibelzitate, wenn nicht anders angegeben: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. 1999. Revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe (Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft)
